Wir sehen uns!

Dieses Blog ist ein Blick in die Werkstatt. Es begleitete ab Dezember 2010 die Entwicklung von Streetview Literatur. Und da es Streetview Literatur inzwischen als eigene interaktive Seite unter streetview-literatur.de gibt, ist es an der Zeit, die Werkstatt zu schließen. Aber Infos zu Streetview Literatur wird es weiterhin geben – auf meinem Blog marionschwehr.de

Wir sehen uns dort!

 

Und für alle, die das Projekt nicht verfolgen konnten, hier noch ein paar Infos im Überblick. Vielleicht bekommt Ihr Lust, die Geschichte der Entstehung von Streetview Literatur im Rückblick zu durchstöbern. Viel Spaß!

Streetview Literatur ist ein Literaturprojekt im Internet, das die Möglichkeiten der Digitalisierung für eine neue Art von Literatur nutzt. Streetview Literatur bringt Kurzgeschichten vieler, verschiedener Autoren zusammen und verknüpft sie zu einem Geflecht. Jede Geschichte folgt einer einzelnen Person und ihrem Weg durch die Stadt. Die Verknüpfung der einzelnen Texte untereinander erfolgt über die Straßen- und Ortsangaben. Der Leser kann sich entscheiden, welcher Person und damit welcher Geschichte er folgen möchte. Er sucht sich seinen Weg durch die Stadt und liest in der Anordnung und Reihenfolge, die er auswählt. So wird der Leser zum Gestaltungsfaktor innerhalb von Streetview Literatur, da nur durch ihn (und in diesem speziellen Moment) der Text eine Ordnung und Reihenfolge bekommt.

Streetview Literatur kann HIER kostenlos “durchwandert” werden. Viel Spaß dabei! Bestimmt trefft Ihr einige interessante Leute.

Und wer noch Lust hat, eine Geschichte beizutragen – immer gerne. Ich freu mich über das weitere Wachsen von Streetview Literatur mit immer neuen und spannenden Geschichten.

Veröffentlicht unter Allgemein, Streetview | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Nacht(w)orte

13 Autoren haben sich durch Städte und Straßen gewagt. Nachts! Dort haben sie ihre Geschichten gesammelt und sie in dem Booklet “Nacht(w)orte” – 13 Autoren tappen im Dunkeln” veröffentlicht. Aus dieser Sammlung habe ich nun einige Texte für Streetview Literatur ausgewählt. Schaut euch um auf www.streetview-literatur.de und begegnet unseren “Neuen”. Wer sie direkt finden will, sucht unter “Thema” nach: Anke, Joachim, Volker, Paul Marx, Anton Kowalski, Marianne, Katharina Geismüller, Volker, Sarah oder Mina.

Herzlichen Dank an die Autoren und auch an Diana Hillebrand, in deren WortWerkstatt SCHREIBundWEISE die Texte entstanden sind.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Stimmen zum Projekt – Bernays Tag & Nacht

Zum Abschluss des Projektes “Bernays Tag & Nacht” kommen noch einige Schüler zu Wort. Sie sagen uns, wie ihnen das Projekt gefallen hat. Abschlussfeedback

Eingefangen und aufbereitet wurden die Statements von Betül, Beslinda, Chaymaa und Sabina.

Auch mir hat es gut gefallen. Ich sage DANKE an euch alle! Und freu mich über die tollen Ergebnisse.

 

Das Projekt ist gefördert durch 

Veröffentlicht unter Bernays Tag & Nacht | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Saitenwechsel – Bernays Tag & Nacht

Antonio, Liridon, Dzana und Vincenzo erzählen uns von der verbindenden Kraft der Musik und dass sie was bewegen kann. “Saitenwechsel” – hier zum Anhören

 

Saitenwechsel

Herr Streng sperrt das Klassenzimmer auf, es ist Freitag 14:00 Uhr und draußen ist schönstes Badewetter… und hier im Musikraum ist es heiß, stickig, dunkel… und einfach ätzend.

Aber Fabio macht das nichts aus, das Nachsitzen ist ihm völlig egal! Hautsache Emina ist auch dabei. Er ist erst seit 2 Wochen an der Schule und schon sehr beliebt. Er lässt oft total den Macho raushängen!!! Bei Emina ist das total anders. Emina ist schüchtern und eher zurückhaltend, da kommt er mit seinem Machosprüchen nicht wirklich an. Wegen Fabio muss auch Emina nachsitzen, er hat im Unterricht versucht Emina mit seinen Sprüchen zu beeindrucken und Herr Streng hat es mitbekommen und so müssen sie nachsitzen.

Auch Ivan und Dario müssen nachsitzen. Weil sie 2 Stunden zu spät gekommen sind. Genervt schlappen sie ins Klassenzimmer. „Oida, Mann, der Spast langweilt mich”, sagte Dario. Darauf erwiderte Ivan: „Ey, wir sind nicht alleine beim Nachsitzen.“

Nachdem Dario und Ivan nun auch drinnen waren, sperrt  Herr Streng die Tür zu, damit  keiner verschwindet. Dario und Ivan langweilten sich. Dann hörten sie, wie Fabio Emina zum Kichern bringt. Ivan und Dario ignorierten sie fürs erste, doch die Beiden wurden lauter und lauter. Dario ist von den Zweien gestresst  und versucht rauszugehen. Doch dann bemerkte Dario, dass sie eingesperrt wurden. Dario versuchte öfters die Tür gewaltsam zu öffnen, die anderen waren erschrocken, weil sie nicht mehr rauskamen. Alle aus der Gruppe versuchen ihre Eltern anzurufen. Doch Fabio hatte kein Geld mehr auf dem Handy, Emina hat ihr Handy zuhause vergessen, Ivans Handyakku war leer und Dario hat nur noch soviel Geld auf den Handy, dass es genau noch für einen Anruf ausreicht. Dario rief seine Eltern an. Es geht nur die Mailbox ran. Sie hatten nur diese eine Möglichkeit und hinterließen eine Nachricht, weil das alles war, was sie tun konnten. Emina fing an zu weinen und Fabio nützte die Chance und spielte am Klavier ihr Lieblingslied. Bella Limba. Emina fühlte sich geschmeichelt und getröstet. Irgendwie wird das schon werden, dachte sie sich.

Ivan hörte zu, sagte aber nichts. Er dachte, dass es sich schon echt schön anhört. Aber sagen wollte er einfach nichts. Dario interessierte das Ganze nicht so. Diese Gefühlszeugs. Er sah nur wie Ivan durch das Zimmer ging und eine Gitarre fand. Ivan schnappte sie sich. Er probierte ein paar Klänge. Er klinkte sich ein. In den Rhythmus von Fabio. In sein Geklimper auf dem Klavier. Erstmal so ein bisschen. Einspielen. Mal sehen, ob die überhaupt gestimmt ist. Dann hörte er, dass Fabio was anderes spielte. Dann wollte er es wissen. Als Provokation griff er in die Saiten. Ein Jam auf der Gitarre. Fabio hörte auf und schrie: „Was soll das? Du bist nicht alleine hier!“

Da kam Dario dazu und mischte sich ein: „Wie wär´s, wenn Ihr mal versucht, was zusammen zu spielen.“

Die Beiden schauten sich erst mal ratlos an. Dario ging durchs Klassenzimmer und fand ein Xylophon. Er fing an, darauf die Melodie „Crazy Frog“ zu spielen. Fabio dachte sich: das kann ich auch, wenn nicht noch besser. Und stieg in die Melodie ein. Ivan klopfte mit dem Fuß den Takt mit. Danach griff er in die Seiten und machte den Sound mit. Emina schaute sich das alles erstmal an, dann fing sie an zu summen. Das Lied steckte sie an. Sie mochte jetzt auch Teil sein der Band, die sich hier gerade fand. Sie suchte sich im Klassenzimmer ein Instrument. Was könnte das sein? Sie sah die Trommel. Und fing an  mitzuklopfen.

„Hey, wir können uns ja mal außerhalb des Klassenzimmers treffen, um Musik zu machen. Wir müssen uns nicht ins Klassenzimmer einsperren lassen“, sagt Ivan grinsend.

Emina schaute zu Fabio. Fabio strahlte. „Gute Idee. Sobald wir hier rauskommen, machen wir was aus und suchen uns einen richtigen Ort zum Jammen.“ Ivan griff noch mal in die  Gitarrensaiten und legte ein Solo hin als Zustimmung.

 

Das Projekt ist gefördert durch 

Veröffentlicht unter Bernays Tag & Nacht | Verschlagwortet mit , | 1 Kommentar

Warum wir? – Bernays Tag & Nacht

Warum ich? fragen Ma., H., L., C., S., M. und Sü.

Reinhören bitte hier: Warum ich?_Teil 1
Warum ich?_Teil 2

Warum ich?

Jeden Tag nach der Schule trifft sich eine Gruppe von Freunden auf ihrem Chillerplatz. Hinten in einer ruhigen Ecke beim Park. Nicht weit von der Bernaysschule. Aber weit genug, damit sie Ruhe haben. Sie chillen, erzählen viel und lachen dabei. Meist ist es lustig. Doch an einem Tag kam es zu einer heißen Diskussion: Einer ihrer Freunde, Mahmut, kam angerannt und begann aufgeregt zu erzählen:

Ma.
Hey, kennt ihr den Daniel, der dort hinten wohnt? Dessen Beine unterschiedlich lang sind? Als ich am Hof vorbeiging, sah ich, wie Jungs, die dort wohnen, ihn wegen seiner Beine geärgert haben. Er tat mir voll Leid. Er hat geweint und ist weggelaufen und ich wollte ihm helfen, aber konnte nicht, weil ich Angst hatte auch geärgert zu werden.

H.
Ja, da ist mir auch erst etwas passiert. Mittwoch nach der Schule treffen wir uns eigentlich in der Aula. Aber meine Freunde waren nicht da. Kein einziger von ihnen. Da habe ich doch noch ein paar Freundinnen gesehen und wir gingen zu unserem Chillerplatz. Dort haben wir die Jungs getroffen. Dann hat mich einer von ihnen „Hey, du Kurde“ genannt. Dann fing es an. Einer von meinen Freunden, der Türke ist, wusste nicht, dass ich Kurdin bin, weil ich mit ihnen türkisch rede. Er war schockiert. Er ist gekommen und hat gefragt, ob ich wirklich Kurdin bin. Ich habe „Ja“ gesagt. Dann musste er lachen und sagte, dass er nichts gegen manche Kurden hat, aber gegen PKK. Ich fühle mich schlecht, weil ich als Kurdin immer von vielen Mitschülern beleidigt werde. Ich war alleine und ich habe es nicht erwartet, dass er so reagiert. Es sind ja meine Freunde. Was soll ich sagen? Wenn ich mich jetzt wehren würde, würden sie es falsch verstehen und meinen, dass ich halt ein negativer Mensch bin. Ich wollte, dass sie wissen, dass ich Kurdin bin und es akzeptieren und nichts Schlechtes über die kurdischen Menschen denken. Türken und Kurden können doch Freunde sein.

L.
Ich fühle mit dir, Schwester. Auch ich kenne so was. Als meine kleine Schwester am ersten Tag vom Hort nach Hause kam, war sie traurig. Ich fragte, was los ist? Sie hat angefangen zu weinen und gesagt, dass sie im Hort „Neger“ oder „Schokolade“ genannt wurde. Ich habe mich schlecht gefühlt, weil sich meine kleine Schwester nicht wehren konnte. Ich hätte nicht gedacht, dass kleine Kinder in diesem Alter schon andere Leute wegen der Hautfarbe beleidigen.

C.
Ja, man glaubt es nicht. Bis man es selbst erlebt. Ich fühle mich verarscht von manchen Mitschülern, weil sie mich mobben wegen meines Kopftuchs. Sogar im Internet. Es ist echt mies von den Mitschülern, weil sie nicht wissen, wie man sich dabei fühlt. Manchmal will ich einfach nur gehen und nie wieder zurückkommen. Und alles vergessen und das für immer. Ich fühle mich dabei echt scheiße.

S.
Aber das passiert nicht nur an der Schule. Ich wurde von Polizisten aufgehalten, weil die gedacht haben, dass ich Drogendealerin bin wegen meiner roten Haarfarbe. Ich fühlte mich dabei echt mies, weil ich keine Drogendealerin bin. Nur weil ich rote Haare habe! Allein deswegen haben die mich schon verdächtigt. Wegen der Haare. Das muss man sich mal vorstellen !!

M.
Bei dir die Haare. Bei mir die Augen. Jeden Tag höre ich immer von fremden Menschen auf der Straße „Japchinese“. Heute z.B. kam ich von der U-Bahn hoch und da stand eine Gruppe von Jugendlichen. Sie sagten zu mir „Japchinese“, obwohl ich keine bin. Aber ich fühle mich schlauer als die anderen, die es zu mir sagen. Ich will damit sagen, dass die, die diese Ausdrücke sagen, dumm sind und zwar deshalb, weil sie die asiatischen Menschen nicht unterscheiden können. Eigentlich beleidigen sie damit die ganzen ostasiatischen Menschen. Das hört man immer und überall und egal, wo man ist. Sie beleidigen unsere Sprache. Sie sagen z.B. „Chin Chan Chong“. Vor allem werden die Augen und die Sprache beleidigt. Da fühlt man sich einfach schlecht.

L.
Bei mir ist es die Hautfarbe. Allein wegen meiner Hautfarbe werde ich beleidigt. Ich saß in der U-Bahn und hinter mir stand eine alte Frau. Ich habe sie nicht gesehen und sie wollte sich hinsetzen. Da hat sie zu mir gesagt: „Ihr Niggers setzt euch auch nicht weg, wenn sich eine alte Frau setzen will.“
„Ich habe Sie nicht gesehen. Es tut mir leid.“, sagte ich. Da sagte die Frau: „Ich hab noch nie einen Neger gesehen, der unaufgefordert aufgestanden ist.“ Dann bin ich aufgestanden.

Wir sollten alle aufstehen. Wir alle!

Warum wir? (Rap)

S.
Man sollte andere so akzeptieren wie sie sind – egal, ob andere Hautfarbe, Haarfarbe oder andere Herkunft.

L.
Ich will nicht in einer Zivilisation leben, wo man wegen seiner Hautfarbe, Behinderung, Herkunft oder wie man aussieht, gemobbt wird. Ich will in einer Zivilisation leben, wo es egal ist, wie man ist oder was man ist.

M.
Aussehen und Herkunft ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist der Charakter.

H.
Achte auf deine Wörter, denn sie werden deine Angewohnheiten.
Achte auf deine Angewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.
Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.

Sü.
Wenn du dich über jemanden lustig machst, wird der Tag kommen, an dem sich andere über dich lustig machen!

Alle:
Bei mir die Augen und die Haare, bei ihr die Hautfarbe, bei dir die Herkunft, bei ihm die Religion, bei uns die Behinderung, bei anderen die Überheblichkeit und Arroganz.

Nobody is perfect !

Egal, ob schwarz, weiß, hell, dunkel, Europäer, Asiat, Türke, Kurde, groß, klein, dick, dünn, hübsch, hässlich, …

 

Das Projekt ist gefördert durch 

Veröffentlicht unter Bernays Tag & Nacht | Verschlagwortet mit , | 1 Kommentar

Suchtgefahr – Bernays Tag & Nacht

Die “Horden Krieger” Sahin, Ordin und Burc erzählen uns von einer Sucht, von der man nicht mehr loskommt. Das Ganze spielt in der Ingolstädter Straße – in diesem Haus.

“Der Hordenkrieger” zum Anhören

Der Horden Krieger

Es ist Freitag endlich wieder mal Raiden! Phillip denkt sich „Ja man, endlich wieder das ganze Wochenende durchzocken!!!“ Zuhause setzt er sich gleich an den Laptop und zockt sich erstmal warm. Phillip ist total süchtig nach World of Warcraft, er ist wie gefangen in dieser Onlinewelt und spricht oft nur in der Chatsprache. Als Phillip am Abend gerade mit seiner Gilde unterwegs ist, kommt seine Mutter in das Zimmer und bittet ihn, den Müll rauszubringen.
Phillip antwortet „Kann nicht…..muss zocken…. komm später wieder“.
Da antwortet die Mutter mit hoher Stimme „Nein, Phillip,  bring jetzt den Müll raus!“ Phillip „Nein, Mutter, ich muss noch mein Raid abschließen.
Mutter „Phillip !! Ich sag es nicht noch einmal!“
Phillip sieht seine Mutter herausfordernd an.
Phillip „Sonst was?“
Mutter „Sonst lösche ich dein Acc.“
Phillip „LoL! Du weisst nicht mal wie man ein Laptop hochfährt. Du HD!
Mutter „Phillip …“
Jetzt ist Phillip richtig genervt und wird laut!
Phillip “Oh my god! Boohaa Mutter nerv nicht! Jetzt weiß ich, warum sich Papa von dir scheiden ließ, mit dir hält man es ja echt nicht aus!“
Der Mutter platzt der Kragen und sie wirft den verhassten Laptop aus dem Fenster! Raus auf die Ingolstädter Straße. Phillip ist fassungslos und starrt seine Mutter an.
Phillip „Bei der Macht von Azeroth. Ich werde dich ownen! Du Noob!!“
Entsetzt geht er in Richtung Fenster und sein Blick sucht fieberhaft den völlig zerstörten Laptop. Aber was sieht er da….ein Mann hat seinen Laptop in der Hand! Er hat ihn aufgefangen! Phillip macht das Fenster auf und springt auf das Vordach. Er geht zu dem Mann und reist ihm den Laptop aus der Hand.
„Hey gib her du Gimp! Das ist meiner!“
Er macht ihn auf und merkt, dass es noch funktioniert. Überglücklich tippt er „RE“ ein, setzt sich auf den Bordstein und zockt weiter…

 

Das Projekt ist gefördert durch 

Veröffentlicht unter Bernays Tag & Nacht | Verschlagwortet mit , | 1 Kommentar

Was mit Liebe – Bernays Tag & Nacht

Das sind Beslinda, Betül, Chaymaa und Sabina. Sie haben eine schöne Geschichte verfasst. Sie startet in der Aula der Bernaysschule und es geht darin, um …

Was mit Liebe!

Mandy und Valentina sitzen in der Aula der Bernaysschule. Große Pause. Mandy nagt an ihrem Apfel.
„Siehst du den Typen da drüben. Aus der 10c.“
„Welchen? Den mit den Pickeln?“
„Nein! Den mit den blauen Augen. Den Süßen.“
„Ah, der ist echt hübsch!“
„Sebastian heißt der, hab ich erfahren. Den würde ich gerne kennenlernen.“
Der Typ geht rüber zum Kiosk und stellt sich in die Schlange. Mandy steht auf, lässt ihren Apfel liegen und stellt sich gleich hinter ihm an. Mandy fragt ihn: „Darf ich vor?“ Aber Sebastian hört sie nicht. Noch einmal traut sie sich, ihn zu fragen. Dieses Mal lauter. Obwohl sie so aufgeregt ist. Allein ihn anzusprechen und so nahe bei ihm zu stehen, macht sie glücklich.
„Ja, klar“, sagt er mit Augenzwinkern. Er rückt ein Stück zur Seite. Mandy drängt sich an ihm vorbei. Enger, als es vielleicht nötig wäre. Sie kauft sich ihre Breze und als sie weggeht, schaut sie sich noch einmal zu ihm um.
Beschwingt geht sie zu Valentina zurück. „Hast du das gesehen? Ich habe mit ihm gesprochen. Das ist der Wahnsinn für mich!“
Den restlichen Vormittag kann sie sich im Unterricht kaum konzentrieren. „Mein Gott, bist du verliebt“, sagt Valentina. Dreimal hat Valentina sie schon angetippt. Keine Reaktion. Mandy scheint vor sich hinzuträumen.

Wochenlang beobachtet Mandy Sebastian. In der Aula, auf dem Flur, auf dem Humannweg von der U-Bahn zur Schule, wann immer sie ihn sieht. Und manchmal hat sie das Gefühl, er sieht sie auch an. Und jeden Tag verliebt sich Mandy ein bisschen mehr in Sebastian. Aber statt mit ihr zu sprechen, steht Sebastian mit Valentina zusammen und spricht mit ihr. Mandy bleibt das Herz stehen, als sie das sieht. Sie denkt sich, wieso redet er nicht mit mir? Was machen die da? Woher kennen die sich? Und wie vertraut sie sich anschauen. Als würden sie sich schon lange kennen und gut. Verwirrt dreht sich Mandy weg und geht hoch in die Klasse. Bis zum zweiten Gong sitzt sie still auf ihrem Stuhl und wartet auf ihre Freundin. Valentina setzt sich ruhig zu ihr. Als wäre nichts. Neugierig fragt Mandy Valentina, was los war. Valentina erwidert: „Was soll los sein?“ Vielleicht ist wirklich nichts passiert, denkt Mandy. Valentina würde es ihr sagen, wenn was wäre. Oder?

Nach der Schule auf dem Heimweg sieht Mandy die Mutter von Sebastian. Sie ist gestürzt. Vielleicht gestolpert. Vielleicht zusammengebrochen. Mandy hat es nicht gesehen. Nur wie sie da liegt, sieht sie. Bewusstlos auf dem kalten Boden. Mandy rennt erschrocken zu ihr hin und sieht nach, was mit ihr los ist. Sie nimmt sofort ihr Handy aus der Tasche und wählt mit ihren zitternden Händen die Nummer 112. Schnell kommt der Krankenwagen mit seiner lauten Sirene. Nach 2 Stunden wacht die Mutter im Krankenhaus auf. Mandy ist bei ihr. Die Mutter schaut sie fragend an und sagt: “Wo ist mein Sohn?“ Da platzt Sebastian ins Zimmer rein.
“Was ist passiert?“, fragt er erschrocken. Mandy erzählt ihm die ganze Sache. Sebastian umarmt Mandy. „Ich danke dir, dass du meine Mutter gerettet hast!“ Mandy wird total rot.

Von da an ist Sebastian immer nett zu Mandy. Jeden Tag in der Pause schaut er sie an und lächelt kurz rüber. An einem sonnigen Nachmittag kommt Sebastian zu Mandy und spricht sie an. “Hey, ich wollte mich nochmal bei dir bedanken und wollte dich fragen, ob du heute mit mir zum Eis essen kommst?“ Sie ist sprachlos. Damit hat sie nicht gerechnet. „Ja klar!“, sagt sie eilig. Sie rennt schnell zur Toilette und schaut sich im Spiegel an.
„Sehe ich gut aus?“ fragt Mandy Valentina, die neben ihr steht.
„Ja, du siehst toll aus.“
Sie packt ihre Tasche und rennt zu Sebastian, der schon in der Aula wartet. Auf dem Weg ins Mira, entlang der Kämpferstraße, reden die beiden über verschiedene Sachen, die es so gab. Als sie den Trenkleweg überqueren, sehen sie ein Paar, das zusammen sitzt und gemeinsam lacht. Sie sehen glücklich aus. Mandy und Sebastian starren das Paar an und dann gucken sie sich ganz tief in die Augen. Plötzlich fragt Sebastian: “Hast du eigentlich einen Freund?“ Mandy antwortet fast herzstehend und leise: “Nein, du eine Freundin?“ Sebastian schüttelt den Kopf. Sie gehen schweigend weiter.
Bei der Eisdiele am Mira bestellt sich Sebastian zwei Kugeln: Melone und Schokolade.
„Melone? Hey, das ist auch mein Lieblingseis.“ Da nimmt sie sich auch eine Kugel Meloneneis. Gemeinsam spazieren sie zur Panzerwiese. Vor dem Wald, wo es so einsam und verlassen ist, setzen sie sich gemütlich ins Gras. Sebastian zieht seine Jacke aus. „Möchtest du dich da drauf setzen?“, fragt er Mandy. Sie nickt und macht es sich bequem. Sie schauen in den Himmel. Mandy zeigt auf eine Wolke. „Siehst du die Wolke da? Sie sieht aus wie ein Herz.“ Sebastian nickt und legt seinen Arm um Mandy.

 

Das Projekt ist gefördert durch  

Veröffentlicht unter Bernays Tag & Nacht | Verschlagwortet mit , | 1 Kommentar

Bernays Tag & Nacht

20 Schüler der Bernayshauptschule machen sich auf den Weg. Auf ihren Weg im Münchner Norden. Was sie dort – in ihrem Viertel – erleben, halten sie in Geschichten fest. In Texten, Fotos, Audios. Die stellen sie uns dann hier im Streetview Literatur Blog vor.

Stichwort: Bernays Tag & Nacht
Und bei Facebook natürlich auch – in der Gruppe Bernays Tag & Nacht

Das Projekt ist gefördert von

Veröffentlicht unter Bernays Tag & Nacht | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Auf ein Wiedersehen im Art Babel

Herzlich Willkommen zur zweiten Streetview Literatur Lesung! Am 20.10.2011 im Art Babel. Wieder gibt es ausgewählte Streetview-Geschichten aus München und auch Improtexte, die aus dem Input des Publikums entstehen. Es lesen: Tanja Gronde, Andreas Kurz, Matthias Kübler, Diana Lucas, Constanze Petery.

Und wer für die Improgeschichten schon mal Input einbringen will, schickt mir einfach einen Ort/eine Straße in München und was er/sie damit verbindet – was habt Ihr dort erlebt, was gefällt euch dort, was hasst Ihr daran… Einfach hier in den Kommentaren posten oder bei Facebook oder per Email an mich. Vielleicht findet Ihr euch in einer der Improgeschichten wieder. Ich bin gespannt! Und freu mich drauf!

Art Babel (Karlstr. 47a / Ecke Augustenstr.)
Donnerstag, 20.10.2011, Einlass: 19:30 Uhr
Eintritt: 5 €

Veröffentlicht unter Allgemein, Impro, Lesung, München, Streetview | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Improtext von Christoph Kastenbauer

Und noch ein Impro – dieses Mal von Christoph Kastenbauer. Dazu hat er v.a. folgende “Textschnipsel” des Publikums verwendet:
- Cafe Cord: rausgefolgen und Hausverbot, weil eigenes Bier reingeschmuggelt (Stefan)
- Fünf Höfe: Date / 10 Cocktails / kein Gefühl (Arno)

 

Lars
spürt – zehn Cocktails und kein Gefühl.

Ich hatte ein Date. Allein bei dem Wort graute es mir. Date. Das klang wie eine Mischung aus „Doof“ und „Totalabsturz“ und in etwa dieser Reihenfolge hatte ich es auch geplant.
In meiner WG in der Schellingstraße sie noch alle dämlich gegrinst, bevor ich aus der Tür war, es war die Idee des dicken Uwe gewesen, der mit begeisterten Mayo-Fingern mein Internet-Dating-Profil vergewaltigt hatte. Charlotte hieß letztendlich das Mädchen seiner Wahl und stand auf Spaziergänge im Olympiapark. Allein das hätte mich abschrecken müssen.
Im Café Cord in der Sonnenstraße streckte mir Charlotte ihre kalte, klebrige Hand entgegen. Sie erzählte mir von ihrem Traum, Heidi Klum zu treffen und ich bestellte mir drei Long Island Ice Tea gleichzeitig. Als ich mich dann vom Klo zurück aus Versehen an den falschen Tisch setzte und die dortige Oma nach ihren Vorlieben in der Horizontalen fragte, ging der Ärger erst richtig los. Als der Kellner dann noch meinen Biervorrat unter meinem Pullover bemerkte, den ich für den absoluten Notfall dort gebunkert hatte, war es endgültig Schluss mit lustig. Der breitschultrige und nicht wirklich Spaß bereit wirkende Kellner komplimentierte uns relativ nachdrücklich aus dem Café.
Leider hielt Charlotte der Zwischenfall nicht dazu an, das Handtuch zu werfen. Im Gegenteil: Sie nahm mehrmals Anlauf ihre schwitzende Hand in meiner Gesäßtasche unterzubringen, was ich aber mit genau getimten Stolperattacken immer wieder abwenden konnte. In den Fünf Höfen, in denen ich erfolgreich mehrere Omis mit vollen Einkaufstüten gerammt hatte, landeten wir schließlich in einer dieser seltsam schlicht wie gleichzeitig schick anmutenden Abfüllhallen, die viele Cocktails, aber wenig Bier anbieten. Ich führte meine Long Island Icetea-Erkundungstour weiter, während Charlotte meinen immer weiter fortschreitenden Dämmerzustand dazu nutzte, ihrerseits unter dem Tisch auf Erkundungstour zu gehen.
Sage und schreibe zehn Cocktails später fanden wir uns eine Straßenecke weiter bei Charlotte auf ihrem Klappsofa wieder. Wir fummelten. Ich fühlte nichts, absolut nichts. Dass Charlotte irgendwann mit zusammen gekniffenen Beinen Richtung Klo lief, erschien mir wie eine geradezu lächerliche Unglaublichkeit. Draußen hörte ich die Glocken der Frauenkirche schlagen. „Typisch München“, dachte ich, kurz bevor ich komatös ausblendete, „das entscheidende bekommt man nie wirklich mit.“

Copyright: © Christoph Kastenbauer 2011

Veröffentlicht unter Impro, München, Streetview | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar