Aus Leipzig mitgebracht

Mit vielen Eindrücken und einer wunderbaren Geschichte ist Streetview Literatur zurück aus Leipzig. Christopher Kloeble erzählt uns von Carolina und den beängstigenden Tiefen einer Pfütze. Und zeigt uns, dass Leipzig nicht nur zur Zeiten der Buchmesse mit ungewöhnlichen Eindrücken aufzuwarten hat.

Er muss es schließlich wissen, hat er doch dort gelebt und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert. Sein Romandebüt Unter Einzelgängern erschien 2008 bei dtv premium. 2009 folgte der Erzählband Wenn es klopft (dtv premium). Derzeit arbeitet er an seinem zweiten Roman, der im Frühjahr 2012 erscheinen wird.

Ich sage Danke an Christopher Kloeble für den Abstecher nach Leipzig.
Viel Spaß mit: Carolina (© Christopher Kloeble)


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Carolina
weiß wie unergründlich tief Pfützen sein können. Nicht nur in Leipzig.

Auf ihrem Weg mit dem Fahrrad wechselte Carolina, wie auch die anderen Fahrradfahrer auf dem Peterssteinweg zwischen Straße und Bürgersteig, fuhr auf linker wie auf rechter Seite und achtete darauf, nicht mit den Reifen in die Gleise zu geraten, was bereits einmal zu einem schweren Sturz geführt hatte, nach welchem sie einige Zeit lang nur mehr auf dem Bürgersteig gefahren war. Sie folgte der Straße Richtung Südvorstadt, ihr Ziel war eine Reinigung, der rote, auf die Fahrradablage geklemmte Mantel mit den Fettflecken flatterte im Fahrtwind. Bald erreichte sie die Karl-Liebknecht-Straße, die von den meisten Leipzigern nur als Karli bezeichnet wurde, wechselte auf den Bürgersteig und verlangsamte ihr Tempo, da die Abstände zwischen und Risse in den einzelnen Steinplatten beträchtlich waren, wich den ausgedehnten Pfützen aus, die zwar seit dem Morgen in der Sommersonne schrumpften, den Fußgängern und Fahrradfahrern jedoch, ganz besonders den Müttern mit Kinderwagen, einige Ausweichmanöver abverlangten. Carolina dachte dabei nicht ans Fahren, so wie kaum jemand über das Fahren nachdenkt, ob nun Fahrradfahrer oder Autofahrer, Carolina dachte, dass ihr die Risse und Fugen der Steinplatten Furcht einflößten, und sie konnte sich nicht erklären, welcher Umstand die plötzliche Angst hervorrief, sie wusste nur, dass es sie mit tiefem Unbehagen erfüllte, über die Steinplatten zu rollen und Pfützen zu umkurven, und sie dachte, um sich abzulenken, an ihren Ausflug mit mir zum Völkerschlachtdenkmal und das Gespräch zweier Touristen, einem Ehepaar, das, am Sockel des Denkmals, im Schatten des monströsen Baus den Blick zu Boden gerichtet, darüber gestritten hatte, ob es nun Dehnungsfugen, ganz gewöhnliche Dehnungsfugen im Stein unter ihren Füßen seien, oder doch Risse. Der Mann war davon überzeugt gewesen, es seien Dehnungsfugen, Quatsch, hatte er gesagt, ich kenn mich da aus, das sind Dehnungsfugen, worauf seine Frau achselzuckend Carolina einen Blick zugeworfen hatte, inklusive Augenverdrehen, ein vorwurfsvolles Aufleuchten. Im selben Moment war Carolina klargeworden, dass sie niemals in ihrem Leben auf diese Weise reagieren wolle, sobald ihr Ehemann etwas zu ihr sagte, dieses Schulterzucken und Augenrollen, ein Aufgeben und Beschweren gleichzeitig, das Carolina angewidert hatte und schnell weitergehen und mit mir über dieses einfältige Verhalten lästern ließ. Wir waren uns nicht sicher gewesen, hätten uns aber auch nicht gegen die Behauptung gewehrt, dass uns das Verhalten der Frau noch mehr missfallen hatte als das des Mannes, weil diesem nicht aufgefallen war, wie schnell sich seine Frau in ein Schulterzucken und Augenrollen geflüchtet hatte, eine gestische Ausrede, um nicht so handeln zu müssen, wie es wohl angemessen gewesen wäre, etwa, ihn darauf hinzuweisen, dass man es ausdiskutieren könne. Da hatten Carolina und ich gelacht, sie zuerst, über uns selbst, vor allem darüber, welche Gedanken wir uns bereits über das Älterwerden machten, dass wir noch jung seien, frisch, das alles, und dieses Ehepaar eben nicht. Daran dachte Carolina, als sie in die Hohe Straße einbog, vom Fahrrad abstieg und begann, es neben sich herzuschieben, auf dem Kopfsteinpflaster, links der Steinplatten, die sie aufgrund der ausladenden Pfützen nicht betreten konnte. Es gab da eine Geschichte, es war mit Sicherheit keine neue Geschichte und Carolina wusste auch nicht mehr, wann und zu welchem Anlass sie sie gehört hatte, jedenfalls war sie da kein Kind mehr gewesen, sondern älter, zumindest in dem Alter, in dem man als junge Dame bezeichnet wurde, vermutlich fünfzehn. Diese Geschichte erzählte von einer unscheinbaren, trüben Pfütze mitten in einer Stadt ohne Namen an einem Platz voller Menschen, einer Pfütze, der die Menschen ausgewichen waren wie es Carolina in diesem Moment tat, eine Pfütze, die geschätzt womöglich fünf bis zehn Zentimeter Tiefe maß, tatsächlich aber weitaus mehr, was jedoch nicht zu erkennen war, da Dreck und Staub das Wasser undurchsichtig machten und keinesfalls erahnen ließen, welche Dimension diese besondere Pfütze tatsächlich besaß, sollte ein forscher Schritt oder Sprung dazu führen, dass jemand diese Dimension zu spüren bekam. Eine Pfütze also, die sich, der Geschichte nach, die Carolina, wie sie sich jetzt erinnerte, einmal auf einer Fahrradtour durch Frankreich gehört hatte, weit in die Tiefe ausdehnte und eine Wassersäule formte, wie es keine vergleichbare gab, von einer unterirdischen Quelle genährt, die gleichzeitig einen Sog erzeugte, der seine Opfer tiefer und tiefer spülte, sobald sie sich unter Wasser befanden, und ihnen langsam ihre Kräfte entzog und durch einen unterirdischen Tunnel ins Dunkel katapultierte. An diese Geschichte dachte Carolina, und sie blieb stehen, an der Ecke zur Bernhard-Göring-Straße, hob einen Kieselstein auf, der in der Fuge zwischen zwei Pflastersteinen steckte und warf ihn in eine Pfütze, es spritzte und sie konnte ihn nicht mehr sehen, was allerdings an dem von ihr aufgewirbelten Staub lag, den das Wasser gefangen hatte, dachte Carolina, der Dreck von der Sanierung des Hauses hinter ihr, in dem neuer Platz für ein Café, Büro- und Wohnräume geschaffen wurde. Carolina stellte sich vor, wo dieser Kieselstein nun lag, sie lehnte das Fahrrad gegen einen Baum, näherte sich der Pfütze und streckte ihre Hand danach aus, so dass sie ihre Finger und einen Teil ihres Gesichts auf der trüben Wasseroberfläche erkennen konnte. Ihre Lippen waren schmaler als sonst, die Finger bewegte sie leicht, als wärmte sie sie auf, noch immer konnte sie nicht den Kieselstein sehen, die Staubwolke im Mikrokosmos der Pfütze war ein Sturm, der die Sonne verfinsterte, dachte Carolina und griff zu und fand ihn nicht und fand ihn nicht und tastete nun auf allen vieren mit beiden Händen in der Pfütze nach dem Steinchen, vornübergebeugt. Ihr verzerrtes, dickes und dünnes Spiegelbild sah verängstigt aus, und das war sie auch, Carolina fürchtete sich, sie fürchtete sich davor, den Kieselstein nicht zu finden, ihr Mund war geöffnet, sie ignorierte die Passanten, welche kurz den Kopf anhoben, wenn sie das Mädchen vor der Pfütze kniend bemerkten, dann schnell weitergingen, wenn sie realisierten, dass die Hände des Mädchens in einer schmutzigen Pfütze verschwanden. Keiner von ihnen sah, wie sich Carolina zurücklehnte, ihre Hände ausschüttelte und das wiedergefundene Steinchen von einer Hand in die andere rollen ließ, erleichtert, und einen Augenblick lang abgelenkt von der Geschichte der Pfütze. Diesen Augenblick nutzte Carolina, um wieder auf ihr Fahrrad zu steigen und kräftig in die Pedale zu treten, ohne über ein Wasserloch, einen Wassertunnel in dieser Straße nachzudenken, sie fuhr so schnell sie konnte die Bernhard-Göring-Straße entlang, scherte sich nicht um ihren verfleckten Mantel, sondern fuhr direkt zu mir, in die Körnerstraße, ließ das Fahrrad neben dem Eingang fallen und drückte auf den Knopf neben meinem Namen. Sie dachte, ich wäre nicht zu Hause, sofort dachte sie das, erzählte sie mir später, und bei dem Gedanken, wieder all den Pfützen und Gleisen ausweichen zu müssen, unterdrückte sie einen Heulkrampf und presste ihren Daumen so fest auf den Knopf, dass die Haut rot wurde und das Ende ihres Nagels weiß, sie sagte irgendetwas vor sich hin, daran erinnerte sie sich später noch, aber nicht daran, was sie vor sich hinsagte, und dann stürmte sie ins Treppenhaus, als sie meine dumpfe Stimme hörte und ich auf ihr drängendes Bitten hin sofort öffnete, da ich glaubte, jemand wäre hinter ihr her oder sie habe sich schwer verletzt, was genau ihrem Gefühl entsprach, wie sie mir später erzählte. Und sie rannte die Treppe nach oben und ich kam ihr, aus Angst, verwirrt ein Stück entgegen, wir trafen uns auf halber Strecke, mit solcher Wucht stürzte sie gegen mich, dass wir umkippten, ich mit dem Rücken gegen die Stufen prallte, aber nichts spürte, da meine Angst wahrscheinlich den Schmerz betäubte, und ich fragte sie, was denn passiert sei, was es denn war, das sie derart erregt hätte, und sie schluchzte, weinte und ich wischte ihr mit einem Hemdsärmel die Tränen aus dem Gesicht, was nicht viel half, sofort rollten neue die Wangen herab, und sie sagte nichts, was ich nicht glauben wollte, ich packte sie, viel zu fest, an den Schultern, und sagte in strengem Ton, für den ich mich später entschuldigte, was es denn sei, sie müsse es mir sagen, doch sie lachte nur, etwas weniger traurig, wie ich fand, wie sie mir auch später bestätigte, sie lachte und sagte, es sei tatsächlich nichts, keine Verfolger, keine Verletzung, niemand ist schwanger, es geht allen gut, sie bräuchte jetzt einfach jemanden, der ihr zuhörte, und ich bot ihr an, zuzuhören, aber im Wohnzimmer, sagte ich. Wir hielten uns an den Händen, als wir in die Wohnung gingen, und sie bat um Verzeihung für den Überfall, und dass sie mein Fahrrad so grob behandelt habe, aber ich antwortete ihr nicht, ich dachte nur, dass ihr aufgebrachter Zustand einen tieferliegenden Grund haben müsse. Doch selbst nach einem langen Gespräch stellte sich nichts Neues heraus, außer, dass Carolina von Zeit zu Zeit von einer Angst überfallen wurde, der sie nicht entrinnen könne, eine ursprüngliche, übermächtige Furcht vor der Welt, wie sie mir das beschrieb, und da begriff ich, von was sie sprach und gestand ein, dass es mir manchmal ähnlich erging, unerwartet, meist, wenn ich mich gerade auf den Weg machte oder bereits unterwegs war, und wir hielten uns die Hände, hörten von den Ängsten des anderen, und ich trank ein Glas Leitungswasser auf einen Zug leer und brachte Carolina ein zweites.

Copyright: Christopher Kloeble: Wenn es klopft. Erzählungen
© 2009 Deutscher Taschenbuch Verlag, München. www.dtv.de

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Eine Antwort auf Aus Leipzig mitgebracht

  1. Til Erwig sagt:

    Schöne Geschichte. Bin die Strecke selbst oft gefahren und kann Carolinas Erlebnis gut nachvollziehen. Til

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