Auf die Plätze, fertig, … Berlin!

Endlich ist es soweit: Streetview Literatur startet mit der ersten Kurzgeschichte in Berlin. Nicht mit irgendeiner! Ein Text von Tanja Dückers ist es, der in Berlin den Anfang macht. Ein schaurig modernes Märchen um Hannes und seine Schwester Greta.

Ich sage Danke an Tanja Dückers und wünsche viel Erfolg mit ihrem aktuellen Roman “Hausers Zimmer”, der gerade im Schöffling Verlag erschienen ist.

Viel Spaß mit: HannesGreta (© Tanja Dückers)


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Hannes und Greta
haben sich ganz schön in was rein manövriert. Gibt es einen Weg heraus?

Die Eltern von Hannes und Greta waren selten zu Hause. Seitdem ihr Vater seinen Job bei einer Baufirma verloren hatte, ging er jeden Tag spazieren oder saß auf der Bordsteinkante vor ihrem Mietshaus in der Waldemarstraße und rauchte oder spielte mit Knut, Spitzi und Rainer auf dem Hof Boule. Vor den Amtsterminen fürchtete er sich nicht mehr. Früher, als man noch vom Arbeitsamt sprach, waren dort Sozialarbeiter tätig gewesen, heute, in Zeiten des Jobcenters, gilt die Arbeitsvermittlung als kaufmännischer Beruf. Und da es auch hier auf Quoten ankommt, hält man sich nicht lange mit einem aussichtslosen Kandidaten wie ihm auf. Außerdem meckerte er ja nicht. Ihre Mutter hatte in einem Callcenter auf der Karl-Marx-Allee gearbeitet, bis das Ding von einem Tag auf den anderen verschwunden war. Hannes und Greta erinnerten sie sich noch an den Tag, an dem sie plötzlich morgens wieder in der Tür stand und stammelte: „Stühle, Tische … alles weg … sogar der hässliche Teppich.“ Als sogenannte „feste Freie“ hatte sie nur einen Tagesvertrag gehabt und konnte daher keine juristischen Schritte in Erwägung ziehen. Als Hannes und Gretas Mutter von dem verwaisten Büro des Callcenters zurückgekehrt war, hatte sie kurz geweint, danach ihr letztes Geld für ein unsinnig teures Frühstück mit ihren Kindern auf dem Kudamm bei Leysieffer ausgegeben.
Hannes und Greta gingen seit letztem Sommer auf die Realschule. Sie hatten zwar eine Gymnasialempfehlung, aber ihre Eltern hatten es versäumt, sich rechtzeitig um einen Schulplatz auf einem der beliebten Gymnasien in der Nähe zu kümmern. Schließlich meldete ihr Vater sie an einem verkaterten Morgen „an dieser Schule da“ um die Ecke am Lausitzer Platz an, welche Schule das war, war ihm egal.
Der Schulunterricht langweilte Hannes und Greta, auf Hausarbeiten verzichteten sie ganz, meistens hingen sie von nachmittags bis abends im Fitnesscenter auf der Heinrich-Heine-Straße herum. Sein Betreiber war im vergangenen Sommer wegen dem Love-Parade-Desaster in die Schlagzeilen gekommen, aber bei 17 Euro Mitgliedsbeitrag im Moment konnte man sich nicht beschweren.
Sobald Hannes und Greta die Eingangsschwelle des Studios überschritten hatten, tat sich eine andere Welt auf. Hier waren sie wer. Hannes und Greta hatten beide lange blonde Haare und waren sehr sportlich. Da sie fast täglich ins Fitness-Studio gingen, kannten sie hier auch beinahe jeden. Von überall her winkte man ihnen zu, wenn sie kamen. Hier spielte es plötzlich keine Rolle mehr, auf welche Schule man ging und was die Eltern machten. Hier zählten andere Werte – es gab eine Liste mit den Fortschritten, die jeder Teilnehmer machte, Hannes notierte jede Woche die Gewichte, die er stemmte, Greta erhielt zu ihrem letzten Geburtstag einen Brief von Freunden aus dem Studio, in dem man ihr zu ihrem „imPOsanten“ Hinterteil gratulierte.
Seit dem das Callcenter auf der Karl-Marx-Allee verschwunden war, begann sich Hannes’ und Gretas Mutter mit Astrologie zu beschäftigen. Bald schon gab sie ihrem Mann Tipps fürs Lotto spielen. Sie machte auch bei jeder Menge anderer Gewinnspiele mit. Das war ihre Feierabendbeschäftigung. Einmal gewann Hannes und Gretas Mutter 75 Euro im Lotto, sie hatte drei Richtige gehabt. Seitdem war sie davon überzeugt, dass sie auf diesem Wege eines Tages zu Geld kommen würde. Eine Butterfahrt in die Uckermark und einen Sonntag Schippern im Spreewald hatte sie auch schon gewonnen. Auch Hannes’ und Gretas Vater ließ sich von ihrem Gewinnspielfieber anstecken. Dass sie beide auch mit normalen Berufen auskömmlich verdienen könnten, schien ihnen vollkommen absurd.
Vielleicht lag es an Hannes und Gretas durchtrainierten Körpern, dass sie ihren Eltern älter, erwachsener erschienen als sie eigentlich waren. Nach Schularbeiten fragten ihre Eltern nie, die Kinder wurden ja versetzt, gerade waren die Zeugnisse gekommen, es schien alles gut zu gehen.
Bislang hatten Hannes und Greta in ihrer Freizeit fast alles gemeinsam gemacht – was gleichbedeutend damit war, dass sie gemeinsam Sport machten. Ein paar mal hatte sich Hannes mit Mädchen aus dem Studio verabredet, aber aus diesen Flirts hatten sie nie längere Beziehungen entwickelt. „ImPOsanta Greta“ wie sie von manchen Verehrern im Fitness-Studio genannt wurde, machte sich eher rar, was die Männerwelt anging und behauptete manchmal sogar, Hannes sei ihr Freund, um sich die Kerle vom Leib zu halten.
Etwas eifersüchtig war Greta schon, als sich eine Amalia an Hannes heranmachte. Sie war optisch das genaue Gegenteil von ihr: Lange schwarze Haare, klein, spirredünn, dunkle Haut, feuriger Typ. Wenn Amalia lachte, sah man ihre Eckzähne, sie hatte dann etwas hexenhaftes. Immer öfter stand sie bei Hannes an den Geräten, tauschte sich über ihre jeweiligen „Fortschritte“ aus, trank Energy-Drinks mit ihm an der Bar. Ins Solarium gingen sie auch heimlich zusammen – und blieben lange. Einmal hatte Hannes einen Sonnenbrand auf dem Rücken.
„Was ist dran an der, warum verpisste dich denn jetzt dauernd?“ wollte Greta von Hannes eines Tages auf dem Weg zum Studio wissen.
„Es geht nicht nur um Amalia… wir sind eine Gemeinschaft… und, stell dir vor, ich habe die Aussicht, richtig Schotter machen zu können… nicht nur so rumdümpeln wie unsere Elts…“
„ERZÄHL MAL!“
Nachdem Hannes seiner Schwester alles erzählt hatte, stand fest, dass sie am nächsten Tag mit zu Amalia und ihren Freunden kommen würde – in eine schicke Riesenwohnung am Kudamm.
Vielleicht lag es daran, dass die Sommerferien angebrochen waren – Hannes und Gretas Eltern machten sich keine Gedanken darüber, wo sich die beiden herumtrieben. Sie wussten nicht, wann die Schule wieder anfing – und ob die beiden überhaupt noch ein Schuljahr hatten – ?
Greta hatte gedacht, dass es ihr sehr schwer fallen würde, mit Unbekannten zu schlafen. Aber sie hatte sich geirrt. Die Inszenierung der Angelegenheit stand so im Vordergrund, dass sie sich eher wie eine Schauspielerin vorkam – das wurde einem ja auch den ganzen Tag von der Gruppe eingeredet. Auch entfielen alle komischen ungelenken Gespräche vor oder nach dem Sex, man musste sich nicht betrinken, nichts. Eigentlich fand Greta die Arbeit ehrlich, anständig und sauber. Jeder musste einen HIV-Test machen, die Männer waren frisch geduscht, rasiert und rochen gut. Amalia und Saskia nahmen sogar Medikamente gegen Körpergeruch ein. Und alle waren sehr, sehr freundlich zueinander. Vielleicht wäre das eher etwas für ihre Mutter gewesen als dieser Callcenter-Quatsch, bei dem man ja nur ausgenutzt wurde.
Bald lebten Hannes und Greta mit Amalia und ihren Freunden zusammen. Saskia, Susie, Stefi, Pedro und Jack waren alle schwer in Ordnung und immer gut aufgelegt; es war dauernd Partystimmung. Man erfuhr von niemanden etwas über sein Vorleben, sein altes Leben, das schien ein unausgesprochenes Gesetz zu sein: Wir haben Spaß, du bist gut drauf und hältst die Klappe – . Hannes und Greta mussten keine Miete zahlen, nichts. Sie wohnten in einer Neun-Zimmer-Wohnung, es gab ein hauseigenes Solarium und einen Whirlpool. Es gab jeden Tag gutes Essen, eigentlich führten sie ein Luxusleben. Amalia und ihre Freunde gingen oft vormittags mit ihnen auf dem Kudamm shoppen. Und nachmittags waren sie meist alle zusammen im Fitness-Studio.
Greta und Hannes fühlten sich wohl in ihrer neuen Familie. Zuhause in der Waldemarstraße in Kreuzberg waren sie nur noch selten. Wenn sie da waren, erschien ihnen alles blass, ärmlich, das heruntergekommene Treppenhaus, die Küche, in der ihre Eltern herumsaßen und Zeitschriften von Nachbarn aus der Mülltonne nach Gewinnspielen durchforsteten – ihr verlassenes Jugendzimmer (Hannes und Greta hatten sich ein Zimmer teilen müssen) ein Relikt aus einer anderen Zeit, einem anderen Leben.
Die Eltern fragten nicht, woher sie ihre schicken Klamotten hatten. „Jehta abeeten?“, wollte der Vater wissen. „Das sieht man doch, bei die Sachen“, meinte die Mutter nur. Manchmal brachten Hannes und Greta ihnen Blumen mit oder etwas zu Naschen für die Mutter, von Leysieffer, vom Kudamm.
Eine Weile lang ging alles gut. Bis Hannes einmal morgens nach der „Get-Up“-Gymnastik meinte, er hätte das Gefühl, die Anabolika, die er täglich verabreicht bekam, würden bei ihm auf den Kreislauf wirken, er hätte oft Herzrasen, auch hätte sich sein Hautbild verschlechtert. Da meinte Amalia nur: „Is’ doch egal, das kann man doch nachher wegretuschieren.“ Ihr Tonfall war zickig gewesen. Als Greta einmal keine Lust hatte zu arbeiten, hieß es: „Was glaubst du denn, wer du bist? Du hast hier jede Menge zu tun, das ist hier kein Wellnessclub!“ Aus dem Hintergrund rief Saskia: „Auch wenn’s vielleicht so aussieht“.
„Und was macht der Bizeps heute?“, wurde Hannes jeden Morgen von Amalia gefragt. Dann vermaß sie seinen Oberarm. Immer wieder schüttelte sie den Kopf. „Wir geben dir noch mehr Proteine, das reicht uns noch nicht.“
Je kräftiger Hannes wurde, desto dünner Amalie: Nachdem sie den Umfang seiner Oberarme abgenommen hatte, maß sie mit dem gleichen Band ihre Oberschenkel, oft seufzte und fluchte sie dann. Das war eine der wenigen Situationen, in denen sie aus der Rolle fiel. Sie wog nur noch 47 Kilo, aber war, wie immer, sehr energiegeladen. Vielleicht kokste sie, aber das konnten Hannes und Greta nicht herausfinden, zu fragen wagten sie nicht.
Bald bemerkten Hannes und Greta, dass ihr Aufenthalt in dem Kudammschloß nicht nur eine kurze Episode, eine Art Sommerjob, war. Man rechnete mit ihnen. Sie merkten auch, dass sie kaum einen Schritt allein tun konnten, ihre Terminkalender wurden für sie verwaltet, „Arbeitstermine“ nur noch mitgeteilt, Einwände nicht akzeptiert, außer sie waren wirklich krank.
Hannes und Greta waren es gewohnt gewesen, viel Zeit miteinander, zu zweit, verbringen zu können, doch hier waren sie nie allein, es gab kaum eine Gelegenheit, sich unter vier Augen sprechen zu können. Und sie hatten das Gefühl, dass dies auch absichtlich verhindert wurde. Die Gruppe, das Team, war alles.
Irgendwann bei einem der üblichen ausladenden Frühstücke, bei dem alle auf Amalias runden rosafarbenen Riesenbett lagen, wagte Hannes zu fragen: „Wie lange geht’n dis hier noch so, ich meine, ich will mal ne Reise, was anderes machen, ne Ausbildung auch … oder so.“ Er merkte, wie wenig Zeit er in den letzten Wochen gehabt hatte, über irgendetwas nachzudenken. Greta sah ihn verblüfft, aber, wie ihm schien, auch erleichtert an.
Amalias Augen wurden sofort schmal: „Was heißt das, was anderes machen…? Du hast hier doch alles… ! Du verdienst super, was willst du, du kannst mir UNENDLICH dankbar sein, dass ich dich – dich! Und nicht x-tausend andere Jungs genommen habe! Und – das Gleiche gilt auch für dich!“ fuhr sie Greta an.
„Ihr verdient hier jede Menge Schotter, schon mal gemerkt?“, brummte Pedro.
„Ich hab noch nie einen Cent gesehen…“, wagte Hannes zu sagen.
„Hör mal!“, jetzt war Amalias Tonfall schneidend geworden, „hast du nur noch Muskeln oder auch wenigstens ein Minipapageienhirn? Wer zahlt hier die Bude, den Champagner und hier…“, sie zerrte an Hannes’ Pyjamaoberteil „den ganzen Plunder für dich?“ – „Du stehst bei uns noch in der Schuld… und zwar mit … um genau zu sein… 18.000 Euroneten“, sagte Jack und grinste, so dass man seinen diamantenverzierten rechten Schneidezahn sah. Die beiden kleinen Diamanten steckten in einem Totenkopf-Zahnaufkleber.
Wenn Greta und Hannes gedacht hatten, dass die Stimmung in den nächsten Tagen im Keller sein würde, hatten sie sich getäuscht. Amalia, Saskia, Pedro, Jack und die anderen gingen sofort, reibungslos, wieder zu ihrer Dauernettigkeit über. Man umarmte sich, es wurde der gute Teamgeist heraufbeschworen. Es wurde so getan, als hätte Hannes nie etwas gesagt.
Einmal gelang es Greta, Hannes auf dem Weg zum Geräteraum allein zu erwischen. „Wir sind hier in einem Goldenen Käfig“ flüsterte sie ihm zu. Da lag schon Pedros große braune Hand auf ihren Schultern „Hey, was tuschelt ihr hier… wir haben hier doch nicht etwa Geheimnisse?“, er lächelte sie breit an. Küsschen links, Küsschen rechts, „kommt! Es gibt heute Holunder-Schoko-Baiser, Jackie hat Geburtstag!“
In den nächsten Tagen wurde dauernd von dem „großen Dreh“ gesprochen. Selbst Amalia, sonst die Coolness in Person, wirkte aufgekratzt. „Das ist echt ein wichtiges Ding! Wenn wir das hier richtig gut machen, sind wir im Winter in Florida – bei dem ganz großen Dreh!“ Bei den Worten „Winter in Florida“ hatte Amalia Hannes und Greta zugezwinkert. Doch Hannes wollte zurück nachhause, in die Gammelbude in die Waldemarstraße. Es war fünf Wochen her, dass er das letzte Mal mit seiner Mutter telefoniert hatte, an ihrem Geburtstag. Seitdem Funkstille. Und selbst da hatte schon wieder Susies Hand auf seinem Arm gelegen: „Mit wem quasselst du denn schon wieder so vertraulich, da werd’ ich ja gaaaaanz neugierig!“
Am Vorabend des großen Drehs schritten sie alle nochmal das ausgeleuchtete Riesenwohnzimmer ab. Dort würde Jack mit Susie auf dem Ledersofa liegen, hier würde Pedro Saskia auf dem Pseudo-Jackson-Pollock-Gemälde seine „Drip Technik“ vorführen. Und dort, vor dem Kamin, würde Muskel-Hannes mit Amalia auf dem Tigerfell zugange sein, Greta, deren Neigungen Amalia vom ersten Tag an blitzschnell erkannt hatte, würde Hannes ablösen dürfen. Greta hatte dafür ein tief ausgeschnittenes schwarz-rotes Pailletten-Kleid gekauft bekommen, „ein ganz ähnliches hat Angelina Jolie letztens getragen“, hatte Amalia behauptet.
In der Nacht vor dem großen Dreh schlief Hannes schlecht. Er hatte Herzrasen. Trotz seiner Einwände war, schien ihm, die Dosis erhöht worden. Er fiel in einen unruhigen Halbschlaf. Er sah seine Mutter vor sich, wie sie sich über die Sternkarten beugte, um herauszufinden, welche Lottozahlen sie tippen sollte. War nicht morgen Samstag – Lottotag? Dann sah er Greta und sich durch Kreuzberg laufen, Döner essen, im Görlitzer Park auf einer Bank herumsitzen, nichts tun. Pistazienschalen auf den Boden werfen. Tun, wozu man Lust hat… mit entlaufenen Hunden spielen, in den Himmel gucken, Schwesters Hand halten, zusammen schweigen. Später: Mit Mutter den Abwasch machen. Dabei Radio hören. Lottozahlen tippen.
Am nächsten Tag wurden sie früh geweckt. Dann begann das übliche Fitnessprogramm, heute gab es noch einen Proteinspezialdrink. Sie sangen wie immer alle im Kreis, lächelten sich an. „Smile at each other“ hieß dieses Morgenritual, das Amalia sich ausgedacht hatte.
Die Szene mit Hannes, Greta und Amalia würde die letzte des heutigen Tages sein. Während Hannes Susie, Jack, Pedro und Saskia herumstöhnen hörte, machte er seine ewigen Sit-Ups. Seinen Bizeps vermaß Amalia nochmal. „Zwar nicht ganz die Werte, die ich mir für heute gewünscht hätte, aber immerhin, das neue Mittel hat doch in den letzten zehn Tagen was bewirkt“. Sie kniff ihm in die Wange. Wenn sie lächelte, sah er ihre Eckzähne. Sie trug jetzt auch diesen Totenkopf-Zahnaufkleber.
Hannes betrat den abgedunkelten Raum – nur das Kaminfeuer flackerte hell und kräftig. Vor dem Kamin schimmerte das Tigerfell. Im Hintergrund lief „Woman“ von den Bee Gees. Danach lief ein Film ab, ein Film in seinem Kopf. Alles wie geplant, alles so oft geübt. Die Kameras zoomten dicht heran, Gänsehaut überkam ihn nur, wenn das kühle Metall einer Kamera zufällig seine Haut berührte. Amalia war da – über, neben, an ihm, wie eine zweite Haut, wie etwas, das man nicht mehr abschütteln konnte. Dann lag sie neben ihm, leicht verschwitzt. Aber nicht zu sehr. Sie nahm Medikamente gegen Schwitzen ein.
„Stop!“ rief plötzlich einer der Kameramänner. „Gibt’n technisches Problem, sorry, kann’n Moment dauern, ich geh mal rüber zum Computer…“
Das Team klaubte sein Equipment zusammen und zog sich zurück. Hannes starrte in die Flammen. Rot, hellrot, gelb, orange sprangen ihn die Funken an. Vor ihm stand Amalia, leise vor sich hinfluchend, weil eine Laufmasche in ihre superteuren Nylonstrümpfe gerissen war. Jetzt waren die Kameras ausgeschaltet, jetzt durfte sie sich gehen lassen. Sie stand mit dem Rücken zu ihm, nestelte an ihrer Strumpfhose herum. Vor ihr knisterte das Feuer.
Hannes schloss die Augen für einen Moment. Dann knackte es in der Tür. Es war Greta in dem Angelina-Jolie-Kleid, die gedacht hatte, ihr Einsatz sei gekommen. Amalie nahm sie nicht zur Kenntnis, sie untersuchte ihre Strumpfhose auf weitere Maschen. Greta trat an Hannes heran. Hannes sah sie lange an, dann machte er eine Geste – und Greta verstand. Geschwister. Im nächsten Moment hielten sie ihre zitternden Hände unter Amalias Mini-Gesäß – noch ein Blickaustausch – dann schubsten sie Amalia ins Feuer. Was für ein Fliegengewicht sie doch war! Viel Kraft war nicht nötig gewesen. Sie warfen ihr noch das Fell hinterher, dann schlossen sie die Kamintür. In wenigen Sekunden würde Amalia am Rauch erstickt sein. Die Geschwister fassten sich an die Hände, dann rannten sie los.
Als sie auf dem taghellen Kudamm standen – es war mittags – , rieben sie sich die Augen. Sie waren seit Monaten nicht mehr ohne einen Begleiter unterwegs gewesen. Sie blickten sich immer wieder um, ob jemand ihnen folgte. Als sie an einen Taxistand kamen, wollten sie in einen der weißen Mercedesse steigen, doch da sagte Greta: „Ich hab nichts, nicht mal 10 Cent.“ Sie hatten seit Monaten kein eigenes Geld mehr gehabt. „Wir sollten uns beeilen, wer weiß, wann sie Amalia gefunden haben“, flüsterte Hannes. Sie rannten zum U-Bahnhof Wittenbergplatz. Eine gute halbe Stunde später waren sie wieder in der Waldemarstraße. Schon in der Durchfahrt stießen sie auf ihre Eltern, die gerade mit Mülleimern vom Hof kamen. Im Hintergrund hörten sie jetzt Sirenen. Doch dann schwoll das Geräusch wieder ab, die Sirenen heulten in eine andere Richtung. In der Zeitung stand ein paar Tage später lediglich etwas von einem tödlichen Unfall in einer Kudammwohnung. Am Tag der Rückkehr ihrer Kinder – einem Samstag – sollte Hannes’ und Gretas Mutter noch die richtigen Lottozahlen tippen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute – in den Wintermonaten in Florida.

Copyright: © Tanja Dückers 2011

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