Nachts durch Nürnberg

Danke an Andreas Neuner für den nächtlichen Streifzug durch Nürnberg.


Streetview Literatur – Nürnberg auf einer größeren Karte anzeigen

Till
findet, regennasse Straßen nur im Kino romantisch, im Plüschsessel mit Lena.

Tills Fehler war, dass er einen Obstler nach dem anderen trank. Selbstgebrannten aus Rumänien, den ihm ein Freund mitgebracht hatte. Zum Aufwärmen sozusagen, oder zum Erblinden. Tills Problem aber war, dass Lena nicht da war. Also musste er Lena suchen. /

Eine halbe Flasche später schüttelt er sich. Er hat zwar die ganze Zeit nur an Lena gedacht, doch dass er sie suchen will, hat er irgendwie vergessen. Noch ein letzter Schluck. /
Es regnet. Wie auch nicht in Nürnberg. Er kam ja vom Land. Da regnet es auch. Aber trotzdem scheint dort öfters die Sonne. /
Wo soll er Lena suchen? U-Bahn! Nimm die U-Bahn rät ihm eine innere Stimme weise. Ja, die U-Bahn vom Aufseßplatz bringt dich zu Lena. /
Till ist also in der U-Bahn. Scheiße! Richtige Menschen fahren Auto. Besonders um diese Zeit. Die drei Skins weiter vorne knacken mit ihren Fingern. Schauen die etwa her? Nein, da sind ja noch zwei Türken in umgepolten Schlabberjeans, – die Hosentaschen vor den Eiern. Ja, nehmt doch die. Oder noch besser, steigt am Hauptbahnhof aus. Er hat keine Zeit, muss Lena suchen./
Kubus, Kubus, Kubus. Er brabbelt das Wort vor sich hin. An der Lorenzkirche kommt er aus dem Untergrund wieder in den Regen. Jeder Schritt und er sagt Kubus. Es ist nicht weit bis zur Kaiserstraße aber nass. Im Kubus muss Lena sein. Frauen stehen auf In-Läden. /
Dass der Kubus in ist, kann er verstehen. Ist zwar alles bei Picasso und Braque geklaut, aber doch genial die Idee. Schräge Flächen, in sich gebrochen das ganze Inventar, Möbel wie Menschen, bestrahlt von Scheinwerfer-Diagonalen. Man muss sich nur die krumme Fresse des Türstehers ansehen. Aber er ist Stammgast. Er kommt hier immer rein. /
Nick Cave samt seinen schlechten Samen bedröhnt seine Ohren mit der roten rechten Hand. Körper zucken dazu. Die meisten schwarz angezogen. Wo ist Lena? /
Er bricht eine Schneise durch die Leiber. – Hey, pass doch auf! – Hi, wie geht´s? – Arsch! – Mann, du hier, hast du was dabei? – Scheiß Schnorrer. Wo ist sie? Nicht hier. Er trifft nur Caro. /
Um diese Uhrzeit ist Caro immer heiß. Nachmittags um zwei in der Uni-Cafeteria heult sie einem die Ohren voll. Keine Liebe und so. Aber hier geht sie sofort in den Clinch. Brust raus, Nippel steif hängt sie Till um den Hals. Dengue woman blues. Ausgerechnet das Lied. Die kleine Pfarrerstochter fragt dabei Quentin Tarantino: Ritchie, would you do me a favour and eat my pussy for me, please? – Ah, sure. /
Natürlich will Caro helfen. Nett! Dabei vögeln sie seit einem Jahr nicht mehr. Vorher immer mal wieder. War eine lockere Sache, damals. Allerdings hat sich Caro immer beschwert, dass er sie nicht ernst nähme. Dass er sich nicht verlieben könnte. Dabei hat sie doch einen Freund. Aber gut, er lässt sich helfen. Caro hat nämlich ein Auto. /
So sitzt Till wenigstens im Trockenen. Regennasse Straßen sind nur im Kino romantisch, im Plüschsessel mit Lena. Caro labert ihn zu. Will unbedingt wissen, ob es ihn jetzt erwischt hätte. Was weiß er, er will nur Lena finden. /
Amor de loca juventud. Caro hat Latino-Blut und hört Buena Vista Social Club. Gut, mag er auch. Das beruhigt ihn sogar. Zwischen dem Song steigen sie immer wieder aus. Sie sind über den Plärrer gefahren und hangeln sich die Fürther Straße entlang. Zwischen Gostenhof und Bärenschanze gibt es rechts und links in den Seitenstraßen hippe Möglichkeiten des Lena-Findens. Dabei trinken sie Caipirinha und Rotbier. Caro schnüffelt auch ein bisschen mit Ralfi. Y tú qué has hecho? Weiter geht´s. So eine Stadt ist groß. Und Lena? /
Hier ist sie nicht. Also queren sie die Pegnitz rüber nach Johannis. In der Großweidenmühlenstraße sind ein paar Örtlichkeiten. Wieder nichts und weiter durch die Nordstadt bis mitten in den Stadtpark. Die letzten Schritte gehen sie zu Fuß. /
Dort schiebt ihm Caro ihre Zunge in den Mund. Musste ja so kommen. Sie sind wieder in einem Club, wo es keine Lena gibt. Till ist flau im Magen, wahrscheinlich vom Alkohol. Dieses warme pappige Ding wühlt sich bis zu seinem Gaumenzäpfchen, saugt ihn aus. Warum auch nicht? /
In der Großstadt ist es gar nicht so einfach einen Ort zu finden. Bei Caro zuhause sitzt der Freund. Und seine Wohnung ist sakrosankt. Auch wenn Lena nie zurückkommt. Zu viele Erinnerungen. Dann lass es doch, könnte jetzt jemand einwenden. Schulterzucken seinerseits. Caro leitet diese Aktion. Er ist nur Manövriermasse. Und dieser jemand kennt Caros Arsch nicht. Dauerbraun auf Grund der Latino-Vorfahren, und rund und glatt und so rund und /
Sie fahren einmal um den Park herum, dann findet Caro eine dunkle Ecke am Südrand, wo die Äste auf die schmale Straße hinausgreifen. Die Bäume, bestimmt deutsche Eichen, rauschen im Regenwind. Baby, it´s cold outside röhrt Tom Jones, der die kubanische Rentnerband abgelöst hat. So ein Auto ist eng. Till vergisst das immer wieder. Doch Caro ist beweglich. Jetzt ist Geisterstunde. Motherless child ist der nächste Song. Der Regen klopft unverschämt beruhigend auf das Autodach. /
Die Musik ist aus. Caro legt keine neue CD ein. Wäre auch schwierig, denn Caro macht nun ihre eigene Musik. Er sieht Caro vor sich auf ihren vier Pfoten. Ihre Konturen sind verschwommen, aber herrlich rund. Ihre Backen sieht er am besten. Sind ihm ja auch am nächsten. Caro ist eine Primaballerina. Herrlich wie sie dem Schaltknüppel ausweicht bei jedem Stoß. /
I´m singing in the rain, … what a glorious day … als er schnell das Kondom im nächsten Gully versenkt. Wenigstens daran hat er gedacht. Im dampfigen Autoinneren ist es genauso feucht wie draußen. Ohne Sicht fahren sie los. Dann wird es schwierig. Caro hat genug vom Suchen. Sie will zurück in den Kubus. Till sei sowieso ein treuloses Arschloch und solle daher mitkommen. – Komm mir nicht so Schatzi, sagt er und muss aussteigen. /
Die Pirckheimer-Straße vor Till ist lang. – Danke Caro, ist eine tolle Gegend! – Hier gibt es nur altdeutsche Kneipen. Und die sind fest in der Hand des Proletariats. Also läuft er. Till läuft und läuft, bis ihm der Regen die Mundwinkel hinab in den Kragen läuft. Die letzte U-Bahn ist längst gefahren, daher muss er wohl die gesamte Altstadt queren. Warum ist es in Nürnberg so nass? Am Maxtor gibt es einen großen Mauerdurchlass. Die Burg kann man von hier nicht sehen, aber die Burgwache in der obersten der Sieben Zeilen leuchtet verlockend. Also doch in eine der Eckpinten. /
Natürlich weiß Till, dass er hier nichts zu suchen habe. Hier kennen sich alle. Aber es ist warm, und außerdem macht Regenlaufen durstig. Trotzdem glotzen alle, die ganze Familie, Papa, Onkel und Sohnemann Proll. Klischees, wohin man nur blickt. Hoffentlich kommt er hier heil wieder ´raus. /
Nach dem vierten Bier hat er Gert kennen gelernt. Till gehört wohl jetzt dazu. Auf jeden Fall spricht Gert mit ihm. Oder besser, Till redet mit Gert. Darüber: Wie schön Lena lächeln kann. Natürlich nur, wenn er alles richtig macht. Oder: Wie sie ihn manchmal anhimmelt, wenn sie glaubt, dass er schläft. /
Gert trägt Schnauzer und hat das Alter seines Papas. Er ist ein Seelchen. Sentimental bis in die Knochen, auch wenn er bei der Müllabfuhr arbeitet. Und fahren kann er auch mit drei Promille. Klar, dass er Till nach Hause in die Südstadt nach Galgenhof chauffiert. – Tschüss Gert, bist ein Guter, im Himmel vielleicht eines Tages sehen wir uns wieder. – Till könnte heulen. /
Als der Schlüssel endlich steckt und dreht, weiß Till: sie ist da. Ihr Geruch kommt ihm entgegen. Er lässt die Lichter aus. Im Dunkeln tastet er sich zum Schlafzimmer. Von der Stadt draußen kommt nur wenig Licht durch die Vorhänge. Sie atmet schwer. /
Sein rechtes Bein ist eingeschlafen. Keine Ahnung, wie lange er schon so sitzt. Auf einmal wacht Lena auf. Sie blinzelt mit verklebten Augen. Er bewegt sich endlich und merkt, wie das Blut zurückströmt. Das schmerzt fiebrig. Till stöhnt. /
Lena gähnt unschuldig. – Was machst du da, fragt sie leise? Warum kommst du nicht ins Bett? – Ist wirklich alles vergessen? Er fragt das nicht. Stattdessen sagt er nur: Ja, ich komme schon. – Wo warst du denn? – Dich suchen, antwortet er. – Idiot. /
Sie schläft wieder. /
Till geht duschen und kotzen. Kotzen ist nicht leicht. Erst beim fünften Mal wirkt der Finger im Rachen. Seine Füße kriegen das Zeug ab. Grüngelb bleibt es kleben. Nur kurz, der Duschstrahl trommelt den Dreck weg in die Kanalisation. Erfolgreiche Spurenbeseitigung. Übrig bleibt nur das reine, klare Wasser. Wasser war am Anfang, nicht das Wort. Er könnte ewig unter dem Wasser stehen und sich säubern. /
Als ihm kalt wird, kehrt er zurück. Lena räkelt sich ein wenig unwillig, als er seinen Platz beansprucht. – Und, wo warst du denn, fragt er? – Bin durch ein paar Kneipen gezogen. – Weiter zu fragen hätte keinen Sinn. Er traut sich auch nicht. Sein sauberer Körper sucht ihre Nähe, ihre Wärme, beginnt zu schlafen. Till blinzelt noch einmal, sieht wie auch Lena blinzelt. /
Habe auch keine bessere Antwort verdient.

Copyright: © Andreas Neuner 2011

Andreas Neuner veröffentlichte seit seinem Autorenseminar am Literaturhaus München zahlreiche Kurzgeschichten. Als Redaktionsmitglied ist er für die Literaturzeitschriften “Laufschrift” und “Blumenfresser” und im Rahmen des “Literaturding” für die Literaturförderung im Großraum Nürnberg aktiv. Zu finden ist er in der Autorengruppe “Wortwerk”: www.wortwerk.net

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3 Antworten auf Nachts durch Nürnberg

  1. Til Erwig sagt:

    Gute Geschichte. Kann mich aber nicht so recht erinnern! Til

  2. Pingback: Knochenbrüche und Türenknallen | Literaturblog Bayern

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