Clubbing mit Frühling Flavor

Deef Pirmasens schickt uns mit Adam in einen der Clubs von München.


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Adam
Frühling Flavor. Und keine Lust irgendwas zu verkomplizieren.

In ihren Kellerwohnungen haben sich die Schneeglöckchen herausgeputzt. Langsam wagen sie sich in kleinen Gruppen an die Oberfläche und zeigen ihre makellos weißen Blüten. Sie sind der erste Glanz auf dem vom Winter geschundenen Rasen am Maximiliansplatz. Auch die Feierleute, die in kleinen Gruppen zu den Clubs dort laufen, haben sich zurecht gemacht. Es ist wieder mild genug, um die dicken Daunenjacken, die North Face-Parkas und die Wollmützen im Schrank zu lassen. Ungefütterte Lederjacken, Pullis mit ärmellosen Westen drüber und leichte Stoffmäntel künden ebenso den Frühling an, wie der Blütenzauber im Gras. Die Feierleute wollen wie jedes Wochenende ihr Blut in Wallung bringen mit Beats, mit der tanzenden Menge, deren Teil sie werden und vielleicht auch mit noch mehr. Aber auch ohne die Reize der Clubs melden ihre Serotoninspiegel bereits steigende Pegel, wie die Isar während der Frühjahrsschmelze. Denn die Tage sind schon wieder fast so lang wie die Nächte und die Hormondrüsen erwachen aus dem Winterschlaf.

Große Jungs mit Hornbrillen, kleine Mädchen mit Ponyfrisuren, Pete Dohertys mit Hemd und Hut und jüngere Schwestern von Kate Moss mit roten Plastiksonnenbrillen – sie und ähnliche Gestalten sind versammelt in dieser Nacht, in diesem Club, um das Spiel zu zelebrieren. Die Lichter zucken, die Münder lächeln, die Mädchen schauen sich tief in die Augen und die Jungs auch. Am Rand der Tanzfläche stehe ich und lasse meinen Rücken von einer Batterie Subwoofer massieren. Der Duft von gemischten Parfümaromen und Diskorauch kitzelt meine Nase.

Eine Stunde und ein paar Becks später geh ich aufs Klo. Neben der Tür, warnt mich ein Schild: “Eine Toilettenkabine darf nur von je einer Person betreten werden, da angenommen werden kann, dass gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen wird. Die Missachtung kann zum Rausschmiss führen. Ein Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz hat ein sofortiges Hausverbot und eine Anzeige bei der Polizei zur Folge.”

Ich bleibe ein paar Minuten neben der Tür stehen, aber niemand will mit mir eine Toilettenkabine teilen und gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen. Was hatte ich erwartet? Bei der letzten Razzia durchsuchten 100 Polizisten und ein Drogenhund den Club und alles was sie fanden war ein Tütchen Gras. Der Laden ist sauber wie ein Kinderlätzchen und das Schild neben der Toilette ein hohles Werbeversprechen.

Zurück auf dem Dancefloor tanze ich zu Großstadtgeflüsters “Ich muss gar nichts”. Ich gehe etwas ausladender ab und prompt habe ich etwas am Hals. Etwas ist eine brünette Sie und sie trägt zu einem hautengen Nichts ein paar bunte Tattoos. Ihre langen Fingernägel graben sich in meine Schultern als sie mir ins Ohr schreit “Du bist doch drauf! Hast du was zu verkaufen?”. Ich schüttele den Kopf und will ihr den Tipp geben, es mal mit einer geteilten Toilettenkabine zu versuchen, aber sie ist schon wieder in der tanzenden Menge verschwunden – wahrscheinlich um den Nächsten, der glücklich aussieht, anzuquatschen.

Draußen unterm Heizpilz schnorre ich mir eine Zigarette bei zwei Berlinern, die aussehen wie Right said Fred. Der Größere gibt mir Feuer und sagt:
“Alter, geht hier was mit Pillen?”
Ich puste den Rauch Richtung Boden und verneine. Sein kleinerer Kumpel ist enttäuscht:
“Scheiße, Mann! Wir hamm echt JEDEN in dem verfickten Club gefragt!”
“Tja, das ist nicht das Berghain.”
“Ey, du kennst’s Berghain? Is endgeil, oder?”
Als ich nicke, halten mir beide die Pranken hin und wir machen eins von diesen Schlag-die-Hände-zusammen-Ghetto-Dingern. Ich muss lachen, weil ich überhaupt keinen Blassen habe, wie das geht und nur improvisiere. Der Kleine lässt sich von meinem Lachen anstecken. Dann hat sich’s aber mit der Gemeinsamkeit, denn was er nun erzählt, beendet unsere kurze Freundschaft.
“Weißte, was der größte Witz is, Alter? Einer wollt uns Poppers geben. Als wären wir Scheiß-Schwuchteln!”
Der noch größere Witz: Der Club in dessen Raucherzone wir stehen, richtet einmal im Monat eine Gay- & Friends-Party aus, die just heute stattfindet. Der ganze Laden ist voll mit Schwulen, Bisexuellen und Lesben. Und die zwei Berliner laufen, ohne es zu merken, mit einem Schild, auf dem “wir hassen Nigger” steht, durch Harlem.
Und wie kann man überhaupt als Homophobiker vom Berghain schwärmen, einem der größten schwulen Technoclub der Welt? Ich werde diese Menschen nie verstehen. Liegt aber vielleicht an mir, ich fand Right said Fred nie so besonders.

Zu uns haben sich derweil zwei schlanke Jungs mit V-Ausschnitten gesellt, die auch etwas Wärme vom Heizpilz wollen. Sie haben den Schluss des Gesprächs mitgehört und werfen sich entsetzte Blicke zu. Die Berliner checken nichts:
“Scheiß auf Homodrogen. Geht nich irgendwo was für echte Männer?”
Mein auf den Boden geworfener Kippenstummel zerstiebt in ein kleines Feuerwerk aus orangen Funken.
“Klar, am Ostbahnhof immer.” Ich schaue auf mein Handy. “Jetzt ist es eins, wenn Ihr Euch beeilt bekommt ihr noch eine der letzten S-Bahnen.”
Dankesbekundungen, Handschläge und schon steh ich mit den zwei V-Ausschnitten alleine da. Der eine massiert seinem Freund den Rücken, der andere schaut mich fragend an.
“Geht am Ostbahnhof wirklich was?”
“Keine Ahnung. Ich hoffe nicht”.

Drin tanze ich eine ganze Weile mit geschlossenen Augen. Der DJ fährt ein Set mit Lesbians on Ectasy, Hot Chip, Prodigy, Uffie mit DJ Feadz, Alter Ego und Miss Kittin. Als ich aufsehe, tanzt der Typ mit dem Poppers direkt neben mir. Er gibt das Fläschchen gerade seiner Freundin, sie hält es sich unter die Nase, atmet tief ein und dann knutschen beide eng umschlungen auf der Tanzfläche. Was war da jetzt nochmal schwul an der Droge?
Ich komme nicht dazu, das zu Ende zu denken, denn plötzlich hängt mir was am Hals. Dejavu, die Brünette mit den Tattoos ist wieder da. Ihre Lider hängen auf Halbmast und sie lallt:
“Kloooo?” Ich lasse sie an meinem Hals baumeln und gehe langsam und um Gleichgewicht bemüht Richtung Toilette.
“Hast doch ‘n Ticker gefunden, hä?” frage ich. Sie rülpst und presst “Jäaa-ger….” zwischen den Lippen hervor, aber die Droge kenne ich nicht. Wir erreichen die offene Tür zur Damentoilette. Ich koppele ihre Arme von meinem Hals ab und schiebe sie über die Schwelle. Mit einer Hand hält sie sich am Türrahmen fest, dann winkelt sie den Oberkörper leicht an – und kotzt vors Waschbecken. Fünf, sechs, sieben Sekunden vergehen, in denen sie unbeweglich stehen bleibt und auf die eigentümlich braune Lache glotzt. Jetzt verstehe ich: Jägermeister. Achtung Wild! Ich nehme zwei Hände voll Papierhandtücher aus dem Spender an der Wand und werfe sie auf die Kotze. Nicht dass ich’s wegmachen will, aber so sieht es wenigstens nicht ganz so eklig aus. Miss Jägermeister trinkt derweil Leitungswasser direkt aus dem Hahn. Als sie sich vorm Waschbecken aufrichtet, ist ihre Schminke verlaufen, die Augen sind gerötet und die Mähne ziemlich zerzaust. Sie schaut in den Spiegel, dann wieder auf den Boden.
“Ist doch halb so wild“, sage ich. Als wäre in ihrem Kopf ein Schalter umgelegt worden, ändert sich plötzlich ihr Verhalten und ihre Sprache von Vollsuff zu Riesenkater.
“Halb so wild? Maaannn! Ich hab gerade Drinks für 50 Ocken gekotzt! Also red kein Scheiß und bring mich lieber wohin, wo ich chillen kann.”
Ich weiß auch nicht, wieso ich das mache, aber ich bin wieder ganz der brave Zivi, der ich mal war, nehme die Patientin an der Hand und führe sie zu den Sofas, die am Rand der Tanzfläche stehen. Sie lässt sich mit dem Gesicht voran drauffallen, obwohl zerknüllte Flyer und sogar leere Flaschen das Polster bedecken. You get what you give. Darauf Prost mit einer schnellen Cola an der Bar und danach gleite ich wieder in die Menge auf der Tanzfläche.

Der Boden ist mittlerweile von Glasscherben übersäht und in der Luft hängt der Mief von Schweiß und von verschüttetem Bier, der sich mit dem Geruch von mehr oder weniger heimlich gerauchten Zigaretten mischt. Noch ein Becks später muss es so etwa vier sein. Ein Mädchen, das der Animefigur Prinzessin Mononoke verblüffend ähnlich sieht, umarmt ihre Freundin von hinten und küsst ihren Nacken. Ich starre gebannt hin wie ein Fünfjähriger auf einen Zeichentrickfilm. Schaffe es gerade noch den Mund zu schließen, bevor ich sabbere. Huch, wie peinlich! Hat aber niemand bemerkt, denn die Leute um mich rum tanzen mit geschlossenen Augen oder umarmen einander oder beides.

Schräg vor mir tanzt ein Sportlertyp in hautengen Klamotten. Ich reiße mich zusammen und prüfe aus den Augenwinkeln seine Features: trainierter Oberkörper – check, perfektes Fahrgestell – check, Blendamed-Grinsen – check, Wuschelhaare zum Reingreifen – check. Ich genieße verstohlen die Aussicht und denke, ja, so geht das, ich bin total unauffällig.
„Gefällt dir mein Freund?“ sagt jemand hinter mir. Noch ein Sportlertyp. Ich glotze ihn an, wie eine Ratte, die auf ein Stromkabel beißt. Mein Blick muss die Frage schon beantwortet haben, denn als nächstes will er wissen, ob ich niemanden abbekommen hätte. Die Blöße gebe ich mir aber jetzt nicht und zeige… kurzentschlossen auf das Sofa, auf dem ich vorhin Miss Jägermeister abgeladen habe. Der Sportler folgt mit seinem Blick meinem Zeigefinger. Ich tu’s auch und erschrecke! Meine Ausrede ist verschwunden. Stattdessen sitzt Prinzessin Mononoke im Schneidersitz auf der Couch und umarmt sich selbst. Interessiert schaut sie zu uns herüber. Der Sportlertyp verzieht das Gesicht als hätte er einen Schluck aus einem Gurkenglas genommen. Dann geht er zu seinem Freund und die zwei küssen sich wie in einem romantischen Telekom-Werbespot. Also wenn es romantische Telekom-Werbespots mit schwulen Jungs gäbe. Und ich stehe allein an der Bar und kaufe mir ein frei verkäufliches und dennoch hochwirksames Frustschutzmittel: Bier.

Als ich mich wieder zur Tanzfläche drehe, steht Prinzessin Mononoke direkt hinter mir und schaut mich an. Ihr halblanges Haar ist trotz Stirnband etwas verwuschelt und ihre Lippen, deren angemaltes Rot vom Knutschen verschmiert ist, lächeln. Da sie nichts sagt, frage ich:
“Was ist? Soll ich dir den Lippenstift nachziehen?” Sie atmet erleichtert aus und tippt mir mit dem Zeigefinger gegen die Brust.
“Du bist schwuuul!” Ich würde das gerne etwas konkretisieren, aber sie redet wie eine überschäumende Bierflasche. “Weißt du, meine Freundin ist schon weg und ich will nicht fremdgehen. Aber wenn ich mit einem Schwulen knutsche, dann zählt das ja nicht so richtig, oder?”

Ich schau sie an, sie sieht super aus, also hat sie Recht. Möglicherweise helfen die fünf Bier meiner Logik da etwas auf die Sprünge. Und ihr Aussehen legt in mir irgendeinen Schalter um. Vielleicht hab ich als Kind zu viele Folgen Captain Future gesehen. Damals wusste ich nicht, wen ich besser finde, den heldenhaften Captain oder die süße Joan Landor, die leider nie mit durfte, wenn es gefährlich wurde, aber in ihrer hautengen Zeichentrick-Uniform aussah wie Titten am Stil mit Plastikfolie drüber – das prägt einen kleinen Jungen.

Dann aber Paranoia, was will die tausendschöne Mononoke eigentlich von einem Spacko wie mir? Ich suche die Antwort in ihren Pupillen. „Keine Angst, haucht sie und erwidert den Blick. Dann stellt sie sich auf die Zehenspitzen, legt ihre linke Hand auf meine Schulter und mit ihrer rechten fasst sie meinen Nacken. Meine Körperhaare stellen sich auf und auf einmal ist mir klar, dass unsere Lippen nur dafür gemacht sind, sich zu finden. Und so ist der folgende Kuss keine aktive Entscheidung, sondern einfach die logische Konsequenz unseres Daseins. Mein Herzschlag setzt aus und in die mit Gefühlsüberdruck gefüllte Zeitlupe knallt der fortlaufende Beat der Musik.

Ich blinzele pheromonberauscht in die zuckenden Lichter des Clubs und sehe wohl etwas durcheinander aus, denn Mononoke lächelt mich an und nimmt meine Hand, um mich zu einem von Blicken geschützten Sofa hinter der Garderobe zu ziehen. Ich setzte mich drauf, sie biegt meinen Oberkörper nach hinten, bis ich umkippe und nimmt rittlings auf mir Platz. Ich nehme ihr das Stirnband ab und greife in ihr Haar. Es riecht nach Pfirsich, ihre verschmierten Lippen schmecken nach Himbeeren und ihr dünner Hals nach gesalzenen Pistazien.
“Oh mein Gott, das ist soooo schön”, haucht sie zwischen zwei Küssen und schmiegt ihren Anime-Körper an mich. Doch dann hält sie plötzlich inne, wie ein Hase, der den Fuchs erblickt.
“Was passiert da gerade in deiner Hose?”
“Äh… das ist gar nichts. Nur eine kleine Versteifung.”
Ihr Lachen klingt wie ein Weihnachtsglöckchen. Sie beugt sich über mich und hält meine Hände fest. Mit zusammengekniffenen Augen taxiert sie mein Gesicht. Eine gefühlte Ewigkeit sagt keiner von uns etwas und ich halte den Atem an. Dann senkt sie plötzlich ihren Kopf, führt ihren Mund dicht an mein linkes Ohr und flüstert:
“Bist du wirklich schwul?” Ich habe keine Lust jetzt irgendwas zu verkomplizieren und antworte mit einem sanften Biss in ihren Hals.
Während wir rummachen wie zwei Teenis in den erfundenen BRAVO-Geschichten, geht die Nacht zu Ende und der Winter übergibt den Staffelstab an einen Frühling, der sich anschickt, warm und stürmisch zu werden.

Draußen zappeln die Schneeglöckchen im Föhnwind und die Morgensonne sticht in den Augen.
“Ich wohne an der Münchner Freiheit”, erklärt die Prinzessin. Ich wende mich einem wartenden Taxi zu, doch sie zieht mich in die andere Richtung.
“Komm wir gehn zu Fuß. Die Sonne macht glücklich.” Und auf meinen Blick reagierend fügt sie hinzu: „Ich meine, noch glücklicher.“

Copyright: © Deef Pirmasens 2011

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