Das verdammte Glück

Ich kenne keinen, wirklich keinen, der dem Glück schon mal so nahe gekommen ist! Gut, dass Andreas Kurz uns an Gustls Erfahrungen teilhaben lässt. „Das verdammte Glück” gibt´s übrigens auch als Buch, erschienen im Ubooks-Verlag. Mal reinblättern, denn näher kommt man ans Glück so leicht nicht ran!


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Gustl
hatte es zu fassen bekommen – das verdammte Glück. Nur kurz, aber immerhin!

Auf der Pappenheimstraße war plötzlich ein Auflauf. Sein Fenster zitterte, als würden wieder die Kieslaster vorbeidonnern, doch es waren nicht die Kieslaster, es war etwas anderes. Er hatte keine Ahnung, und das machte ihn unruhig. Also Jacke an, Radio aus, Treppe runter und hinaus zu den anderen. Die ganze Straße war voller Menschen, selbst Oma Meier schob ihren Gehwagen den anderen über die Zehen und krähte, sie sollen sich verpissen, denn sonst sehe sie ja nichts. Er fragte Schorsch, was los sei; der hatte einen Campingstuhl aufgeklappt und sich an die Bordsteinkante gesetzt.
Schorsch grinste und erzählte, diesmal würden sie das Glück durch ihre Straße treiben. «Das verdammte Glück, stell dir nur vor, ist doch ‘n Riesending! Willst ‘n Bier, Gustl?»
Er nickte, er wollte ein Bier, sagte, um nur irgendwas zu sagen: «Gibt’s ja wohl nicht.»
Schorsch schüttelte seinen speckig glänzenden Kopf, grinste und hampelte rum. «Wirst dich wundern, ist so.»
Schorsch habe es gelesen, und nicht nur in der Zeitung, der man ohnehin nicht trauen konnte, gerade wenn’s um das Glück ging. Gustl trank einen Schluck – das Bier war warm – und ärgerte sich, nicht andere Schuhe angezogen zu haben. Mit den alten Tretern lief es sich schlecht, die Sohlen waren längst glatt. Was, wenn er fiel, wo es doch jetzt endlich mal darauf ankäme?
Denn wann kommt es schon darauf an im Leben?
Er blieb, wo er war, schlug regelrecht Wurzeln, sah sich nur um und tat so, als wäre er ganz cool, dabei schlug ihm das Herz bis zum Hals. Er bereute jede Zigarette, deren Rauch er eingesogen hatte, immer im Glauben, das Glück hätten andere. Also was soll’s, scheiß doch drauf!
Judith winkte herüber, er winkte zurück, aber nur ganz versteckt, denn ihr Macker, der Kalli, war nicht weit. Gustl glaubte, der ahnte längst was von ihnen beiden. Wenn er es rauskriegen würde, hätte Gustl schlechte Karten, bei all dem, was die Dralle und er gemacht und wie sie dabei immer über ihren Alten gelästert und gelacht hatten.
Gustl war überzeugt, dass nichts jemals verschwindet auf dieser Kugel. Auch Worte, gerade die bösen, dreckigen, abfälligen, bleiben und harren darauf, dass sie wiedergefunden werden. Alles sammelte sich irgendwo, sogar die Gedanken, nichts ging verloren, nie…
Er konnte nicht weiter darüber nachdenken, denn weiter vorne kam Unruhe auf. Alle guckten. Ein Brausen, ein Rauschen pfiff durch die Luft, er musste sich strecken, dann sah er es auch. Leck mich am Arsch, dachte er. Da kam es angestampft, tatsächlich, leibhaftig! Er hatte es sich kleiner vorgestellt, mickriger. Einer wie er stellt sich die Welt eben mickrig vor, ist so, was will man machen. Aber das Glück war fett, eine große Sau, es leuchtete strahlend, es blendete ihn. Alle taumelten auf die Straße wie Idioten, die die Offenbarung hören, die Luft summte, vibrierte. Keiner passte mehr auf, keiner sah noch, worauf er trat. Alle starrten nur das verdammte Glück an, wie es in ihre Straße bog. Gehetzt sah es aus, wie auf der Flucht.
Scheiße, dachte er, das Ding wird sich nicht aufhalten lassen. Für uns bremst es sicher nicht – da musst du fix sein, Alter! Aber wie sollte er mit seinen ausgelatschten Tretern plötzlich auch noch fix sein?
Vorne wurden die Ersten überrannt, sie gerieten unter das Glück, das so verdammt groß und schwer und satt war und sich nicht aufhalten wollte, mit keinem von ihnen. Du hast nur einen Versuch, du Lusche, dachte er und wippte in den Knien, ballte die Hände zu Fäusten und atmete stoßweise. Als ob das was helfen würde! Es half, genau genommen, einen Scheiß.
Kalli wollte sich vordrängeln, ausgerechnet der, und Gustl sagte sich, wenn der es nicht schafft, kann er auf ihn klettern und kommt höher rauf. Ist doch meistens so: Der, der vorne steht, kriegt bloß eine mit, und es nützt ihm nichts. Mann Gottes!
Die Glückssau kam auf sie zu, hoch wie ein Haus, strahlend rosa und Beine wie kurze Säulen. Es würde verdammt schwer werden, sich daran hochzuziehen. Da bemerkte er ihre Augen. Das Glück sah sie gar nicht, es sah durch sie hindurch, seine Augen waren kalt und leer. Er zögerte, eine Sekunde nur. Kalli war schon hingesprungen, aber er fand keinen Halt, rutschte an der Haut ab, sauste runter und umfasste ein Bein. Sie hatten das Glück mit Fett eingerieben und ihm die Borsten rasiert, damit sich keiner dran festhalten konnte und sie es nur anstarren durften, wie bescheuerte Typen, denen man später sagte, sie hätten ihre Chance gehabt.
Gustl benutzte Kalli als Stütze, der hing am Bein und verzerrte seine Fresse, schrie ihn an, spuckte, wollte ihn sogar beißen, aber er konnte nichts machen, denn wenn er losließ, würde er runterfallen. Was drängelte er sich auch vor? War doch selbst schuld, der Kerl.
Gustl bekam das Ohr der rosa Sau zu fassen; es war weich wie Gummi, dehnte sich, aber es hielt ihn. Er rammte Kalli seinen Fuß ins Gesicht, stieß sich nach oben ab und verlor fast den Halt, denn plötzlich hing die Oma an seiner Jacke. Er wollte sie abschütteln, aber das ging nicht, und die Alte keifte, sie hätte so lange schon nur auf diesen Moment gewartet.
«Wen juckt das?», raunzte ihr Gustl über die Schulter zu und streifte seine Jacke ab. War ‘n Klacks. Die Alte sauste dem Glück den Buckel runter, arschgerade auf den Asphalt. Wär ja noch schöner – jetzt, wo er das Glück mal reiten kann, hält er sich doch nicht mit so einer auf.
Er saß jetzt ganz oben, krallte sich an den Gummiohren fest und fühlte sich wie Graf Koks. Mensch, war das ‘n Ausblick! Die Straße so tief unten und die anderen glotzten hoch. Der Geifer hing ihnen im Gesicht, und ihr Neid brandete in warmen Wellen zu ihm herauf wie der faule Atem eines wilden Tiers.
All der Neid.
Es war ihm so was von egal. Keiner von denen lag ihm am Herzen, die konnten ihm alle gestohlen bleiben. Er ritt jetzt mit dem Glück ihre Straße hinaus, von der Pappenheim- in die Karlstraße und weiter die Seidlstraße runter, es hätte ihn nicht gestört, wenn alles hinter ihm niedergebrannt wäre. Er kraulte das Glück am Ohr und flüsterte ihm unanständige Dinge zu, die er mit ihm machen wollte, wenn sie erst einmal allein wären. Allein mit all dem ganzen verdammten Glück. Doch die fette Sau hörte gar nicht zu, reckte sich vor der Paul-Heyse-Unterführung, sodass er oben ans S-Bahn-Schild prallte, hängen blieb und abgestreift wurde. Verzweifelt wollte er sich an Haut und Haaren festhalten, kriegte aber nur einen Pickel zu fassen und sah, wie Kalli den Zipfel vom Glück umklammerte. Den Zipfel! Ist ja widerlich, so was.
Kalli lachte nur. Darfste nicht etepetete sein, wenn sie das Glück durch deine Straße treiben. Hat er Recht, der Kerl, verdammt Recht. Da platzte der Pickel, er rumpelte runter auf den schmutzigen Asphalt mitten im düsteren Tunnel. Die Hunde sind über ihn drüber, als ob er nur stören würde. Die Hunde, mit denen sie das Glück durch die Stadt trieben, damit sie es wenigstens mal zu sehen kriegten, die Idioten, die nichts auf die Reihe kriegten, weil sie gar nicht wussten wie, keiner von ihnen. Einen Schuh hatte er verloren, er fand ihn nie wieder. Drauf gepfiffen, dachte er, und warf den zweiten auch noch weg. Die dämlichen Treter, die ihm kein Glück gebracht hatten.
Er traf Kalli, der sah vielleicht bedient aus, Mannomann, seine Kleider nur noch Fetzen und ein Büschel Haare fehlte ihm. Er sagte: «Na, auch Glück gehabt?»
Kalli winkte ab. «Es stinkt nach Fisch.»
«Nach Fisch?», lachte Gustl. «Mann, dann darfst du nicht den Zipfel greifen, wenn dich so was stört.»
Aber sicher hätte er auch danach gegriffen. Ist doch egal, man nimmt, was man kriegt vom verdammten Glück, und wenn’s nur ein bescheuerter Zipfel ist.

Copyright: © Andreas Kurz 2011

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Eine Antwort auf Das verdammte Glück

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