You are welcome

Diese Geschichte hat einen weiten Weg hinter sich. Sie erreicht uns aus Kolumbien. Geschickt hat sie uns Martín Sarmiento Vega. Der Autor lebte viele Jahre in Berlin und ist heute mit seiner Familie zurück in seiner Geburtsstadt Bogotá.


Streetview Literatur – Berlin auf einer größeren Karte anzeigen

Diógenes
mulato, de Santo Domingo a Berlín, nuevo en la gran ciudad, no german. Geht durch Berlin. Geht, hält an, hofft, dass jemand ihn anspricht.

1.
Achtzehn Uhr, Ku’damm. Fotoapparat um den Hals, Blick zur Gedächtniskirche, Zigarette anzünden. Ein Seufzer. Diógenes zieht den Schiebegriff seines kleinen Trolleys heraus und trottet den Ku’damm herunter. Die kleinen Räder knacken und verheddern sich im Streusalz und Straßendreck vom letzten Winter. Anhalten, Leute beobachten. Diógenes und sein Koffer schleichen weiter. Kurz stehen bleiben, ein Foto schießen und weiter die Menschen mit den Augen verfolgen. Nächste Ecke, aufpassen. Beinahe werden Diógenes, die Kamera und sein Koffer von einem BMW platt gefahren. Straße um Straße immer das gleiche. Gehen, anhalten, hoffen. Anhalten und hoffen, dass jemand ihn anspricht. Same procedure as every day.
Klein, schmal, dunkel. Diógenes, der freundliche Ullrich-am-Zoo-Mitarbeiter aus der dominikanischen Republik. Seine Haut verschmilzt mit einem schwarzen Baseballcap, nur seine großen Augen und Zähne blitzen darunter hervor.
Vor einem Zeitungskiosk stellt er sich hinter eine Laterne. „Wir sind Papst.“ Diógenes grinst, dann holt er einen Falk-Stadtplan heraus und blättert mit verirrtem Blick darin herum. Abwarten. Zwanzig, dreißig Minuten. Er zündet noch eine Zigarette an – die letzte.
Ein junges Mädchen mit Rastalocken, Sandalen und Hippie-Rock kommt auf ihn zu. »Entschuld…« Sie geht weiter. Mist. Stadtplan in den Koffer, weiter schlurfen Richtung Wittenbergplatz. »Halt, warte.« Diógenes dreht sich um und lächelt schüchtern. »Was suchst du?«, fragt das Mädchen. »Gedekniskirshe.« Pause. Diógenes holt Luft und seufzt. »Ge-dächt-nis-kir-che.« Die junge Frau erklärt ihm den Weg.
Diógenes wirft einen schnellen Blick auf seinen Trolley. »Kommst du direkt vom Flughafen?« Bingo, sie hat den Aufkleber am Koffer gesehen. »Ja, aus Südamerika.« » Latino?« »Sí. Willst ein Kaffe?«, fragt Diógenes extra laut und deutlich. Sein Herz rast. »Aber nur kurz«, antwortet sie. »Mein Freund kommt gleich.« Kein Problem. Eine halbe Stunde nicht alleine, nicht den ganzen Abend vor dem Fernseher sitzen müssen. Schön.

2.
Wow. Blonde Mädchen, teure Autos, Miniröcke, der Tiergarten, Trommler, Bikinis, Grillpartys, 15. Loveparade. Alles neu, alles traumhaft. Alte, hängende, sonnenverbrannte nackte Haut am Teufelssee. Auch neu für ihn, weniger traumhaft. Egal. Berlin, die perfekte Stadt.
Anfangs spricht er jeden an. Man versteht ihn nicht? Unwichtig. Hände, Füße und ein Lächeln. Die besten Hilfsmittel. Und die Sprache? Keine Eile. Er ist erst vor ein paar Monaten in der Stadt angekommen. Sein heißes karibisches Blut fließt galoppierend. Hallo Berlin, da bin ich, Diógenes, der Latinlover.

Sommer, Herbst. Jedes Wochenende in der Eierschale-Zenner am Treptower Park, von Mittwoch bis Sonntag. Woche für Woche. Ein Bier mit geschmuggeltem Tequila und ab auf die Piste. Tanzen ist seine Leidenschaft, spontane P(r)olonäsen, er ist immer dabei. Diógenes mischt sich unter alle diese wildfremden Gäste. Small Talk hier, Small Talk da. Radebrechen bis zum Umfallen. Sechs Uhr, halb sieben, das Vokuhila-Publikum geht langsam nach Hause. Ein letztes Bier, dann haue ich ab. Stimmt. Gegen sieben Uhr fährt Diógenes heim. Allein.

Der Herbst ist vorbei, der Winter drückt auf die Stimmung. Na und? Bier und Partys, Diógenes lebt seinen ewigen Sommer weiter.

Samstagvormittag: Dicker Kopf, Schüttelfrost und trockener Mund. Der Fernseher in seinem Zimmer ist immer noch an – die Sendung mit der Maus. Diógenes rülpst. Mierda, ihm schmeckt der Mund nach altem Quark. Er rennt aufs Klo, spuckt Döner- und Pommesreste. Ekelhaft. Einen großen Schluck Wasser, mehrmals gurgeln und eine nicht definierbare Flüssigkeit aus Wasser, Restalkohol und Essensresten zurückspucken. Den Mund mit dem unteren Teil seines Unterhemdes abputzen. Dann schlurft er unter dem Klatschen seiner Badelatschen in die Küche. Unterhose und Socken bleiben neben dem Klo liegen. Diógenes holt ein Glas Wasser und ein Alka-Seltzer und latscht in sein Zimmer zurück.
Im Unterhemd und mit nacktem Hintern setzt er sich auf die Bettkante. Zappen, nichts verstehen, Glotze aus.
Und heute Abend? Zu Hause bleiben? Aus seiner Hose zieht Diógenes mehrere Party-Flyer, die er in der Nacht gesammelt hat. „Black Music“, nee, noch mehr Ausländer wie ich, denkt er. Weg damit. Diógenes sortiert weiter aus. „Party zugunsten der Tsunamiopfer“. Wannsee? Zu weit, der Zettel landet auf dem Boden.
Noch ein Flyer, eine Zigarrenbar an der Budapester Straße, viele bunte Bilder. Hübsche Mädels und attraktive junge Männer mit hellblauen Hemden und rosa Pullovern trinken Mojitos und rauchen Zigarren. Zigarren? Kuba. Kuba? Karibik. Karibik? Latinlover. Perfekt.
Diógenes legt den Zettel auf den Nachttisch und döst wieder ein. Alles wird gut werden. Bis jetzt war er einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.

Es ist zwanzig Uhr, Diógenes steht am Eingang der Bar. Wie viele latinophile Menschen warten drinnen nur auf ihn, den heißblütigen Südamerikaner? Ein letztes Mal sich herausputzen, die Tanzschuhe mit der Rückseite der Hosenbeine auf Hochglanz polieren, tief durchatmen und ab zum Portier.
»Hola, buenas noches.« Diógenes räuspert sich. »Was willst du?« »Hallo, guten Abend«, grüßt Diógenes noch ein Mal. Laut schallt „La Macarena“ nach draußen. Er tänzelt hinein. Zumindest ist das seine Absicht. Der Türsteher packt Diógenes am Kragen und holt ihn sofort zurück.
»Sorry Amigo, so kannst du hier nicht rein.« Der Typ deutet mit dem Zeigefinger auf Diógenes’ Schuhe. »No Sportschuhe. Kapito? Und mach’ Platz, die Damen hier wollen rein…«
Der Rausschmeißer schubst ihn zur Seite. Zwei blonde Mädchen, beide mit Turnschuhen, geben dem Eingangsmenschen zwei Bussis und betreten die Kneipe. Und weg ist der Türsteher.
Diógenes schleicht zur U-Bahn und kehrt mit zwei Knöpfen weniger am Hemd nach Hause zurück.

3.
…Ich fühle Heimweh nach den Palmen
nach einem Danzón, den die Brise mir pfeift
Heimweh nach einem Meer, blau und grün,
Wärme, wie Hände, die streicheln
Ich fühle Heimweh nach meinem Land
Auf eine innige Weise, auf eine unendliche Weise
Denn, bis zu dem Tag, an dem ich wiederkehre
Bleibe ich immer eine Fremde
Bleibe ich immer eine Fremde… (© Celia Cruz)

Diógenes sitzt auf der Fensterbank in der Küche. Es ist kalt, nasskalt. Und dunkel. Das Spülbecken ist voll mit dreckigem Geschirr, sein Gehirn leer. Er starrt die Heizung an, vierunddreißig Ritzen hat sie. Die Uhr an der Wand läuft und knackt nach jeder Sekunde, alle fünfzehn Sekunden wird das Knacken lauter. Der Kastanienbaum im Hinterhof verliert endgültig seine Blätter, Diógenes sieht einige fallen. Zwölf Kastanien liegen auf dem Boden, zwei andere fallen vom Baum, plump, plump, und noch eine, plump.
Die Kassette ist zu Ende. Diógenes steht auf, geht ins Zimmer, setzt sich vor den Fernseher und schaut in den schwarzen Bildschirm. Die Zeit ist schnell vergangen, schneller, als er dachte. Jetzt ist alles anders. Er kennt die Stadt und ihre Gesichter, merkt aber auch, dass nicht alles, was blond glänzt, unbedingt Gold ist. Er besitzt eine Monatskarte, Telefonrechnung und Miete muss er auch zahlen. Einmal pro Woche geht er einkaufen, samstags wäscht er im Keller Klamotten. Sechs Tage im Lager im Supermarkt wie ein Esel ackern, jedes Wochenende alleine saufen und den ganzen Vormittag den Kater im Bett kurieren. Das ist sein Leben, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Leute kennt er auch nicht. Seine Stimme ist leiser geworden, sein Blut fließt ruhiger. Diógenes’ Universum, auf eine Tonne zusammen geschrumpft. War er auf dem besten Weg, den Zug der Integration zu verpassen?

Irgendein Montag nach einigen weiteren durchsoffenen Nächten und missglückten Kontaktanbahnungen. Diógenes geht joggen. Die Batterien seines Discman sind leer.
»Ich möchte Batterien, bitte, zwei.« Die Frau am Zeitungskiosk runzelt die Stirn. Diógenes zeigt ihr eine alte Batterie. »Zwei, bitte.« »Was will der?«, fragt sie laut und wirft einen Blick zur Straße. Drei Kunden stehen Schlange. Diógenes errötet. »Zwei Batterien«, erklärt ihr ein junger Mann, der ganz hinten in der Schlange steht. »Ach so, sach det doch gleich, kann doch keener wissen, bin doch keene Hellseherin, hier haste se.« Diógenes packt die Batterien aus und mustert den Kunden, der hinter ihm steht. Ein Tourist, aus Asien. »A Weks plis«, bestellt der. Die Frau kichert und gibt ihm eine Flasche eisgekühltes Becks. »One Euro bitte.« »Thank you.« »You’re welcome, sir, bitte schön.«
Diógenes geht joggen.

4.
Hawaiihemd, Cargohose und Sommer-Sandalen, sein bester Sommerlook. Diógenes holt seinen kleinen Trolley aus dem Keller, staubt ihn ab und fährt zum Flughafen, to the International Airport Otto Lilienthal.

Die Ankunftshalle: überfüllt. Dutzende von Abholern warten mit Blumen und handgeschriebenen Zetteln auf ihre Liebsten. Sie sehen müde aus. Überall Polizei. Diógenes steht ganz vorne, lächelt alle angekommenen Fluggäste an und verfolgt sie mit seinem Blick. Die lächeln nicht zurück. Im Flughafen herrscht Chaos. Die Ankunftstafel blinkt ständig, sieben Flüge aus Madrid werden annulliert.
Diógenes guckt unauffällig in den Mülleimer, vielleicht wird er dort fündig. Leer. Er wartet geduldig. Da. Eine junge Geschäftsfrau geht hektisch an ihm vorbei, reißt den Aufkleber ihres Koffers ab und schmeißt ihn in den Mülleimer. Diógenes pfeift und nähert sich dem Abfallkorb. Niemand achtet auf ihn. Blitzschnell holt er das wertvolle Stück Papier heraus. Dann fährt er mit dem X-9 in die Innenstadt zurück.
Schon im Bus sitzend öffnet er den Koffer. Fotoapparat, Falkplan und seine schönste Sonnenbrille holt er heraus. Weiter mit der U-Bahn bis zum Ku’damm. Brille auf, Fotokamera um den Hals, Schiebegriff des Trolleys heraus. Und Aufkleber an den Koffer kleben. Diógenes latscht die Treppen zur Straße hoch, zündet sich eine Zigarette an und geht den Ku’damm herunter.

Rauf und runter, runter und rauf. Uhlandstraße, Kurfürstendamm, Wittenbergplatz. Sein zweites Zuhause. Mit verirrtem Blick im Falkplan herumblättern. So lange, bis jemand ihn anspricht. Dann auf Englisch oder auf Deutsch antworten – je nach Laune. Ein Tourist. Mit festem Wohnsitz.

Copyright: © Martín Sarmiento Vega 2011

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2 Antworten auf You are welcome

  1. claudia liliana Gomez sagt:

    Me encanto!! y me gustaria leer mas. sehr gut gemacht!! mein Freund

  2. Wie immer wunderschön geschrieben. So sachlich im Ton und so sehnsuchtsvoll in der Wirkung, ganz toll!

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