NachtFetzen

Der Texterin, Ghostwriterin und Journalistin Tina Pruschmann haben wir einen wunderbaren Artikel über Streetview Literatur zu verdanken. Jetzt überrascht sie uns mit einer mysteriösen Geschichte in Leipzig. Und mit Fragen, wie sie zurückbleiben nach einer dunklen Nacht.


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Anja
sucht nach den Ereignissen der vergangenen Nacht.

Eine ganze Flasche hätte es wirklich nicht sein müssen. Als Anja auf die Straße trat, brannte sich die Sonne durch die Netzhaut in den Kopf, hinunter zum Magen und weckte die Angst, die dort schon saß und wartete. Anja war soeben neben Jan aufgewacht und konnte sich an vieles nicht erinnern. Dabei kannte sie Jan gar nicht so gut. Er arbeitete seit einem Jahr im Pflegeteam der Inneren, ein recht Attraktiver. Aber das war ja noch kein Grund, sich nach dem ersten Date auf dieselbe Matratze zu legen. Das reichte Anja eigentlich für den Tag. Sie schaute sich um: neben ihr ein China-Haus und gegenüber irgendwas mit Modellbau und Werbung. Anja ging ein paar Meter und suchte nach Schildern. Hohe Straße stand da und Bernhard-Göring-Straße dort. Der letzte Wodka brannte noch infernalisch in den Synapsen und löschte weitere Episoden ihres Lebens. Anja blickte in die Vergangenheit. Nichts, nur Stimmen von Menschen, die sie nicht kannte.
Links oder rechts? Weniges war schlimmer, als eine Entscheidung treffen zu müssen, zu der es keine erkennbaren Anhaltspunkte gab. Rechts sah es trübe aus. Sie ging nach links die Bernhard-Göring-Straße entlang. Es lag nahe, dass sie gestern von dort gekommen waren, denn da entlang ging es grob zu den Kneipen des Viertels. Sie bog ab in der Hoffnung, Fetzen der vergangenen Nacht auf dem Weg wiederzufinden. Irgendwo hatte sich die Erinnerung im Dickicht der wodkagetränkten Ereignisse verlaufen und hockte hilfesuchend im Gebüsch, hoffte Anja. Es musste geregnet haben, denn sie stand mit dem rechten Bein bis zur Wade in einer asphaltgrauen Pfütze, die in einem der unzähligen Schlaglöcher ein Heim gefunden hatte. Das Wasser vom Bein abschüttelnd und die Straße überquerend sah sie aus dem Augenwinkel noch die komische junge Frau, die an einer der Pfützen hockte und darin herumstocherte. „Oh Mann, die hatte vielleicht auch so einen Abend und suchte jetzt in der Pfütze nach der vergangenen Nacht“, dachte Anja. Sie bog ab, ging entschlossen die Paul-Gruner in Richtung Karl-Liebknecht-Straße und steuerte das Volkshaus an. Als Erstes brauchte sie einen Kaffee, sonst konnte sie keinen Meter weiter. „Schwarz, ohne Zucker, bitte, und groß, so groß es geht“, sagte Anja zu der kellnernden Studentin. Sie dachte nach. Wie war es eigentlich zu dem Date gekommen? Sie hatte Jan zwar nett gefunden, aber sie konnte sich nicht daran erinnern, sich mit ihm verabredet zu haben. Hatte sie gefragt oder hatte er gefragt? Sie holte sich den letzten Arbeitstag zurück. Bruchstückhaft eröffneten sich Szenen in ihrem Kopf. Wie der Alarm bei Frau Schuster losging, die alte Dame, die mit Wasser in der Lunge in Zimmer vierunddreißig lag. Eine freundliche, zurückhaltende Frau. Eigentlich glaubte keiner so recht, dass sie es noch lange machen würde, aber dass es so schnell gehen musste, ahnte nur Jan. Sie rannte mit Katja und dem Kempfer los. Der versuchte noch schwach motiviert, die Schuster zu reanimieren. Drei Mal schoss er Strom durch den welken Körper. Der bäumte sich auf, aber Frau Schuster war schon weg. Sie wollte nicht zurück, sie hatte Kempfers Rückfahrtticket einfach abgelehnt. Der Rest des Tages muss wohl Routine gewesen sein. „Gut, dass sie es hinter sich hat“, hatte Jan noch gesagt.
Tiefschwarz in einem weißen Pott: Der Duft des soeben abgestellten Kaffees durchzog Anjas Körper mit wohliger Euphorie und der Zuckerkeks sorgte dafür, dass der Motor nun endlich ansprang. Sie zahlte schnell und ging. Wo waren sie gestern? Anja hatte Mühe, die Abende der vergangenen Wochen auseinanderzuhalten. Die Ereignisse polterten lose durch ihren Kopf. Wie sie mit Kathrin im Puschkin saß, die gerade von ihrem Freund schäbig sitzen gelassen wurde und sich die Augen ausheulte. Wie sie an einem Abend zufällig Susanne wiedertraf. Früher die Klassenschönheit und Grund zahlloser gebrochener Jungsherzen und Mädchenseelen. Anja und ihre mittelmäßig aussehenden Freundinnen hatten sich damals damit aufgebaut, dass so ein Mädchen mit sechzehn ja bereits ihren Zenit überschritten haben muss. „Eh, wart mal, bis die dreißig ist“, hatte die schnodderige Friedericke dazu kommentiert. An jenem Abend stellte Anja fest, dass es nicht so war. Susanne hatte ihren Zenit immer noch nicht überschritten und schoss sie allein durch ihre Anwesenheit in das längst vergessen geglaubte Reich der Unzulänglichkeit zurück. Oder der Abend mit Steffen und Sandra, die – frisch zusammen – die ganze Zeit rumknutschten. Oder die unzähligen mit ihrer besten Freundin Klara. Alles konnte sie wieder en detail erinnern, nur den gestrigen Abend nicht. Sie ging weiter. Im Acapulco waren sie nicht, Killiwilly, Nato, nein, nein, nein. Zu all den Kneipen und Bars hatte sie beim Vorbeilaufen und Reinschauen kein Gefühl. „Hotel Seeblick“, schoss es ihr plötzlich durch den Sinn. Dort waren sie. Anja rannte jetzt, sie hatte das Gefühl, ihre Erinnerung würde dort nicht lange auf sie warten. Sie setzte sich an den Tisch, an dem sie gestern mit Jan saß: rechts am Fenster, Kleinmöbel-Gruppe. Sie wusste es sofort. Dann kamen ihr auch Gesprächsfetzen in den Sinn.
„Wären wir doch ein wenig schneller gewesen. Dann hätten wir sie noch retten können.“ Anja hatte es in zehn Jahren noch nicht gelernt, das Sterben zu akzeptieren.
„Wieso? Sei froh, was wäre denn dann? Sie hätte einen irreparablen Hirnschaden und würde an Geräten angeschlossen vor sich hin vegetieren. Ist das vielleicht ein Leben?“, sagte Jan. „Ja, das ist ein Leben und woher willst du wissen, wie sich das anfühlt. Schon mal im Koma gelegen?“
„Mann, Anja, die Frau war sechsundachtzig. Begreife, dass wir sterben werden.“
„Woher willst du wissen, dass es sich ab sechsundachtzig nicht mehr lohnt? Schon mal sechsundachtzig gewesen?“
Anja war argumentativ eingerastet.
„Ich hab auch mal so gedacht. Aber der Tod ist doch nicht das Ende“, sagte Jan und hatte, während er das sagte, ihre Hand genommen. „Er ist der Beginn eines neuen Lebens. Das, was für uns aussieht wie sterben, ist von der anderen Seite betrachtet ein Kampf ins Leben. Ich kann das sehen. Wir sollten Geburtshelfer sein, dem Leben verpflichtet und nicht dem Verfall und der Krankheit und dem Tod. Wir sollten ihnen hinüber helfen. Wenn du einmal erlebt hast, wie dankbar sie sind, die Kranken, die Verfallenen, die Vergessenen, dann weißt du wirklich, wofür du jeden Tag aufstehst. Das können nur wir, Anja. Ärzten fehlt dafür die Begabung und auch den meisten Pflegern und Schwestern fehlt die Begabung. Aber du hast sie. Ich weiß es, Anja.“
Anja legte fünf Euro auf den Tisch und rannte raus. Rechts die Straße entlang, zurück zu Jan. Die Häuser flogen an ihr vorbei. Matratzen Concord, Whispers Records, Tinten-Toner-Tankstation. Ein gläsern knackendes Geräusch verlautbart das Brechen der Ampulle. Kurt-Eisner, Alfred-Kästner, La Cosita. Die Aufziehkanüle verbindet die Flüssigkeit im Innern der Ampulle mit dem Außen. Blumen Wittig, Mangiare, Stempel Service. Durch den Zug am Kolben gelangt diese Flüssigkeit in den zylindrischen Hohlraum. Schenkendorfstraße, Lulu Lottenstein, India Gate. Durch den Druck auf den Kolben entweicht die Luft und der Inhalt wird durch die Düse gepresst. Zwei Tropfen fließen an der Kanüle entlang nach unten. Komisches buntes Haus, La Boum … Mäc Geiz. Über den peripher-venösen Katheder fließt die milchig-weiße Flüssigkeit sicher in den Körper, verbindet sich mit dem dunkelroten Blut und beginnt unaufhaltsam ihren Weg.
„Jan, Jan, wie hieß der nur gleich?“ Jemand kam gerade aus dem Haus. Anja schlüpfte durch die Tür und wartete, bis der Schmerz in der Lunge nachließ und sich der Puls beruhigte. Langsam ging sie die Treppen hoch. Eigentlich wusste sie nicht mehr so recht, was sie jetzt noch von ihm wollte. Vielleicht hatte sie das auch nur geträumt. Als sie in der zweiten Etage ankam und ihr Zeigefinger den Klingelschalter berührte, verließ sie der Mut. Sie konnte ihn ja in der nächsten Zeit beobachten. Trotzdem legte sie Hand und Ohr an die Tür. Die gab nach. Die Tür war offen. Anja steckte den Kopf um die Ecke und sah in den Flur. Sie sah die Garderobe, aber keine Jacken, sie sah ein kleines abgesägtes Regal, aber keine Schuhe. Langsam und auf Zehenspitzen betrat sie die Wohnung. Es roch nach Zitronenreiniger und Desinfektionsmittel. Jedes Zimmer bot den gleichen auf- und ausgeräumten Anblick. Es gab Stühle und Tische und Schränke, auch Geschirr, aber keine Kleidung, keine Zahnbürste, kein Duschbad, kein Shampoo. Die ganze Wohnung blitzte, das Bett war abgezogen, die Gardinen abgehangen, Bilder auch. In der Mitte des Wohnzimmers stand ein Stuhl. Über der Lehne hing Anjas Jacke. Die hatte sie noch gar nicht vermisst. Anja dachte nun gar nichts mehr. Sie zog die Jacke an und die Tür hinter sich ins Schloss, ohne zurückzublicken. Im Treppenhaus begegnete ihr ein alter Mann. „Wissen Sie, wo der Jan aus dem zweiten Stock ist?“, fragte sie den Mann. „Nein“, sagte der. „Den hab ich auch nur ganz selten mal gesehen“. Sie trat auf die Straße, zum zweiten Mal an diesem Tag, und es fühlte sich auch an wie ein Déjà-vu. Wie paralysiert ging sie nach links zur Straßenbahnhaltestelle am Bayerischen Bahnhof. Sie nahm die Hände in die Jackentaschen und ertastete mit der linken Hand etwas Länglich-Rundes: kühl, glatt, Glas. Langsam zog sie die Hand aus der Tasche und blickte auf eine Ampulle 2,6-Diisopropylphenol. Der milchig-weiße Stoff, der in die Ewigkeit entführt, in die dunkle Höhle, in das Bett aus Elfenbein, in die Arme des Schlafes und des Todes.

Copyright: © Tina Pruschmann 2011

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2 Antworten auf NachtFetzen

  1. Matthias sagt:

    cool!

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