Nicht

Normalerweise schreibt Michael Trümper Kinderbücher oder gut recherchierte historische Romane. Heute schickt er uns mit einer Unbekannten durch Nürnberg.

Rita
Oder vielleicht eher Gudrun. Wir werden ihren Namen nie erfahren. 

Sie steigt aus der Straßenbahn Linie 3. Links von ihr liegt der Hauptbahnhof. Seine Dächer sind weiß vom Schnee. Ein kleiner Räumer fährt vorbei, orange, mit einem gelben Blinklicht, ein Mann darin, eine Zigarette im Mund. Ein kratzendes Geräusch, wenn seine Schaufel übers Pflaster fährt, Salz wird hinten ausgeworfen.
Sie geht zur Treppe hinüber, die Treppe hinunter, steigt in die Unterführung hinab, die die große sechsspurige Straßen zwischen der alten Stadt und dem Bahnhof unterquert und immer nach Urin riecht.
Sie sieht nicht den alten Mann mit der Geige, in dem zerrissenen Mantel, mit dem verfilzten grauen Bart, sieht nicht den breitkrempigen, leeren Hut vor seinen löchrigen Schuhen. Sie hört nicht die Musik seiner zittrigen Finger.
Sie geht an den winzig kleinen Läden vorbei, dem Zeitungskiosk, dem Blumenladen, dem Imbiss, dem Kartenverkauf, dem leeren Laden. Zu vermieten steht an der Scheibe, seit Jahren. Das Schild sieht sie nicht.
Sie geht immer gleich, keinen Schritt schneller, keinen Schritt langsamer, nicht einmal, als sie auf der anderen Seite die ausgetretene, vereiste Treppe nimmt um wieder ans Tageslicht zurückzukehren.
Sie sieht nicht den mächtigen Turm, der als einer von vieren einst die Ecken der reichen Stadt geschützt hat, sieht nicht den kleinen Innenhof im einstigen Zwinger, in dem jetzt Mittelalter gespielt wird, für die vielen Touristen. Sie riecht nicht den herben Duft der Holzfeuer, der gebratenen Würste und Schinken, hört nicht die Erzählung der eifrigen Reiseleiterin, die der schnatternden Gruppe Japaner alles genau erklärt. Dass die Türme von Dürer entworfen wurden, dass die Königstraße hier an der Stelle so breit sei, weil dort einst die Wagenzüge zusammengestellt wurden. Sie hört nicht das Geklacker der Auslöser als Kommentar der Japaner.
Sie geht diese Königstraße hinauf, immer gleichen Schrittes. Sie sieht nicht das junge Pärchen, das lachend aus dem Cafe kommt, nicht den Losverkäufer in seiner eiskalten Bude, nicht die Frau in einer weiteren, die Brezen verkauft, die guten, dick mit Butter, Käse, grobes Salz, oder ohne?
Sie nimmt nichts von dem Weihnachtsmann, der Werbung verteilt und von einem Bein aufs andere tritt, weil es so kalt ist und die falschen hohen schwarzen Stiefel wie jedes Jahr zu dünn.
Sie sieht nicht den gewaltigen Weihnachtsbaum mit den unzähligen Lichtern, der wie ein jedes Jahr zu Besuch kommender Verwandter seinen strahlenden Platz vor der alten Mauthalle eingenommen hat, um dort bis Heilige Drei Könige dem Treiben der Städter zuzusehen und dann im Feuer zu vergehen.
Sie atmet nicht den guten Duft, der vom Restaurant im Keller der Halle herauf weht, es ist Mittag, alle Tische wie jeden Tag gut belegt.
Sie lässt die Lorenzkirche rechts liegen, die eine große Kirche der Stadt, gotisch durch und durch, für die längst vergangene Bürger einst viel Geld beim Papst gelassen haben, damit der aus dem alten Lorenz, einem sperrigen Einsiedler, den für das mächtige Bauwerk dringend notwendigen Heiligen gemacht hat.
Sie hört nicht das buhlende Geschrei der Budenbesitzer auf dem weiten, immer zugigen Platz, den ersten Ausläufern des weltberühmten Christkindelmarkts. Sie hat keine Augen für deren Auslagen, Gemüse, Strickwaren, Käse, Brot und Gebäck.
Sie nimmt sie nicht wahr, die drei jungen Männer, die ihr bereits verloren geglaubtes Leben nun in Jesus wieder gefunden haben. Die einzigen drei auf diesem Platz. Sie hört ihnen nicht zu, auch sonst niemand.
Sie wendet sich nicht nach links, zur Karolinenstraße hin, aus Gewohnheit, hat kein Auge für den Müller, den Karstadt, den H&M, den Ansons, den Mister&Lady, den Douglas.
Sie geht ihren Weg weiter, vorbei an den Musikanten aus den Anden, die heute noch mehr frieren als sonst. Sie hat keinen Hunger, das italienische Restaurant rechts kann sie nicht reizen, das Kino danach bleibt unbemerkt, kein Film muss gesehen werden.
Sie sieht nicht die Baustelle links, in der bald neue Geschäfte entstehen werden, noch mehr, viele, wichtige, dringend notwendige.
Sie spürt nicht den Rempler der eiligen Geschäftsfrau, die eine Entschuldigung murmelnd vorbeihetzt, bibbernd vor Kälte in ihrem viel zu dünnen, dafür eleganten Kostüm. Sie hat sie nicht gesehen, nicht vom Display ihres Smartphones aufgeschaut.
Sie bemerkt nicht die Wärme aus dem Lüftungsschacht der U-Bahn, nicht den Penner der sich darauf niedergelassen hat und seine wenigen Habseligkeiten sortiert.
Sie hat keinen Blick für die Händler auf der alten gotischen Sandsteinbrücke, die schon seit endlosen Zeiten Jutesachen verkaufen, Seidenschals, Räucherwerk, Ledergürtel, Silberschmuck.
Sie sieht nicht, dass sie miteinander alt geworden sind, die Haare noch immer lang, die selbstgedrehte Zigarette wie festgewachsen zwischen den gelblichen Fingern.
Achtlos geht sie vorbei am Narrenschiff, dem kleinen bronzenen Kunstwerk nach einem Gedicht des Hans Sachs.
Sie bemerkt nicht, dass vor ihr der Hauptmarkt liegt, einstmals ein Sumpfgebiet, auf dem die Juden ihre Pfahlbauten errichtet hatten. Mit Genehmigung des Kaisers hatte man sie getötet und vertrieben, die Häuser niedergerissen, den Sumpf trockengelegt und den Hauptmarkt daraus gemacht, das neue Herz der Stadt.
Sie spürt nicht all die vergangenen Seelen, hört nicht deren Rufe aus der Vergangenheit, obwohl sie alles weiß über diese Stadt, in der sie geboren wurde.
Sie riecht nicht die verlockenden Düfte des Christkindelmarktes, der hier beginnt, neben dem Laden mit Nürnberg Memories.
Sie wird eingesogen in die Menschenmasse, die hin und her wogt, ohne Ziel, ohne Richtung, wird geschoben, wird gezogen, wird gedrückt, sie merkt es nicht.
Sie sieht nicht die wundervolle Frauenkirche, von deren Balkon aus das immer blonde Christkind seinem Markt den Segen erteilt.
Sie sieht nicht den schönen Brunnen. Sie dreht nicht den goldenen Ring an diesem Brunnen, nicht den messingen Ring auf der anderen Seite, der als einziger wirklich Wünsche erfüllt, wenn man in dreimal dreht.
Sie sieht nicht die Krippe in der Mitte des Marktes, nicht die geschnitzten Schafe, Esel, Kamele, nicht die Hirten, nicht den Engel, nicht die heilige Familie, sieht nicht das Schild, auf dem in vielen Sprachen steht, man solle keine Münzen in die Krippe werfen, sieht nicht die vielen Münzen in der Krippe.
Sie sieht nicht die alten Postkutschen mit den schweren Pferden davor, die jedes Jahr ihre Runden um den Markt drehen, sieht nicht das Leuchten der Kinderaugen, das sich in all dem glitzernden Tand spiegelt, nicht die Finger, mit denen sie flehend auf die Spielzeuge zeigen, die sie nicht brauchen und auch nicht bekommen.
Sie hört nicht den tschechischen Chor, der heute ein Weihnachtskonzert auf der kleinen Bühne vor der Frauenkirche gibt und dessen Gesang so wohlig ins Ohr und Herz geht.
Sie sieht nicht die Stände der Partnerstädte auf dem kleinen Markt im Hof des Rathauses, nicht die Stände aus Frankreich, die aus Italien, aus der Tschechei, aus Israel, aus Schottland, sieht nicht, was alles sie aus ihren Ländern mitgebracht haben.
Sie hört nicht das nicht enden wollende Gelächter der Jugendlichen vor dem großen Stand, an dem Feuerzangenbowle ausgeschenkt wird, sieht nicht die vom Getränk erhitzten, roten Gesichter, die zwischen tief heruntergezogenen Mützen und sehr hochgezogenen Schals eingezwängt sind und bei jedem weinseligen Lachen kleine weiße Wölkchen hervorstoßen.
Ihre Schritte sind immer gleich, nicht schneller, nicht langsamer, auch jetzt nicht, als die Straße ansteigt, rechts der Wolfsche Bau, das für die Stadt viel zu große Rathaus, des 30jährigen Krieges wegen nie zu Ende gebaut, links die zweite große Kirche, die des heiligen Sebald, dessen Gebeine einst mit Waffengewalt aus Bamberg geraubt wurden, um auch für diese Kirche einen Heiligen zu haben.
Sie spürt nicht, dass die gepflasterte Straße immer steiler ansteigt, zum Burgberg hin, zur Burg hinauf. Bürgerhäuser säumen die Gasse links, rechts die Reste eines alten Klosters.
Sie sieht nicht die Burg vor sich, nicht die Menschen aus allen Ländern dieser Erde, die sich in einer endlosen Schlange zur Burg hinaufwälzen, um vom Burghof aus den berühmten Blick über die Stadt zu erheischen.
Sie reiht sich ein in die Masse, wird stetig weiter nach oben geschoben, wie auf einem Förderband. Sie bemerkt nicht die lachenden Schüler, Flaschen in den Händen, die oben nach rechts abbiegen, zum alten Speicher hin, in dem schon seit langem die Jugendherberge ist.
Sie sieht nicht den Mann in ihrem Alter, der sie anlächelt, als sie oben im Burghof ankommt, sie sieht nicht, dass er sie neugierig mustert, beinahe taxiert, interessiert, fast ein wenig liebevoll, als ob er sie erst jetzt erkennen würde.
Sie sieht nicht, dass er einen Schritt auf sie zugeht, stehenbleibt, die rechte Hand leicht hebt, dass ihn dann der Mut verlässt und er sie an sich vorbeigehen lässt.
Bemerkt nicht, dass er ihr hinterher sieht, sich ein Herz fasst und ihr folgt.
Sie sieht nicht die unzähligen Lichter der nördlichen Stadthälfte, als sie an der Brüstungsmauer aus rötlichem Sandstein ankommt, sie spürt nicht die Kälte des schweren Steins, als sie sich daran hochzieht, stört sich nicht am eisigen Wind, der ihr die Mütze vom Kopf reisst, sie schwanken lässt.
Sie sieht nicht die steile, felsige Wand, die fast senkrecht zum Burggraben herabfällt, nimmt die Schwärze nicht wahr, die sich vor ihr ausbreitet.
Sie hört nicht den Aufschrei hinter ihrem Rücken, der sich durch die Menge fortpflanzt wie eine Welle, sieht nicht die junge Mutter rechts von ihr, die ihrem Kind die Hand vor die Augen hält, das alte Ehepaar, das sich bei den Händen hält, das junge Mädchen, das sich abwendet.
Sie merkt nicht, wie der Mann in ihrem Alter heran springt, nach ihr ruft, sie zu halten versucht, nach ihrer Hand, ihrem Ärmel greift, ihrem Mantel, ihren Füßen, merkt nicht, dass sein Griff ins Leere geht.
Nein, schreit er. Nicht. Sie hört ihn nicht.
Sie sieht nicht, dass er sieht, wie sie fällt.

Copyright: © Michael Trümper 2011


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