Verzauberungstag

Wer könnte nicht manchmal einen Schutzengel gebrauchen? Monika Goetsch – die letztes Jahr ihren Debütroman “Wasserblau” bei Dörlemann veröffentlichte – schickt uns einen. Ganz physisch, real und mitten in München.


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Anna
Schutzengel haben unbemerkt zu bleiben und verlässlich, sagt sich Anna. Auch wenn die Welt keine Schutzengel mehr mag.

Früher waren es nicht so viele, sie haben sich vermehrt wie kleine, dicke Käfer, denkt Anna, und das hat seine Richtigkeit, es ist ein Trost. Gegen zwanzig nach zwölf (das weiß nicht nur Anna, die eine gute Beobachterin ist, das pfeifen vielmehr die Spatzen von den Dächern) strömen sie aus der Klenze- in die Westermühlstraße hinein, am Pralinengeschäft vorbei zum französischen Restaurant. Ein kleiner Pulk staut sich dort bereits, sie zwängen sich durch die Tür, rufen „Wie viele?“, grabschen in ein hohes Glas mit Süßigkeiten auf der Fensterbank und quetschen sich, das klebrige Gummizeug in den Fäusten, durch die andrängende Konkurrenz auf die Straße zurück. Gemächlich latschen sie weiter, zum Glück, sonst hätte Anna, die in den vergangenen Jahren an Gewicht zugelegt hat, Schwierigkeiten, ihnen auf Schritt und Tritt zu folgen. Auf Schritt und Tritt denkt sie, jeden Mittag, trotz der Wassereinlagerung, die Wassereinlagerung hindert mich nicht an der Verfolgung meiner Ziele. Sie schlurft auf ihren stämmigen Beinen hinter ihnen her, feierlich gestimmt und in Schale geworfen, pikobello siehst du aus, hätte Willis Vater gesagt, wie eine Dame. Wann sonst, denkt Anna, hätte ich das geblümte Kleid mit dem weißen Krägelchen denn anziehen sollen als heute, am, wie sie es in den ledernen Kalender in Druckbuchstaben eingetragen hat, Verzauberungstag. Ein Glückstag, werden die Kinder rufen, wenn sie in Annas Verzauberung eingesponnen da stehen, in Bachnähe, kurz vor dem großen Spielplatz. Illusionen macht sich Anna nicht, umhalsende Kinderarme, selige Blicke, das duftige Kinderhaar an ihrem Kinn, neinnein, der Dank bleibt aus. Es wird ihre eigene, stille Freude sein. Die Kinder schöpfen nicht einmal Verdacht. Sie lesen Kinderkriminalliteratur (Anna hat das geprüft, unverständlich, was Kindern daran gefällt), aber sie spüren nicht, dass jemand sie tagtäglich abpasst und verfolgt und sich an ihnen erfreut. Die dicken, schief über den Hintern auf und ab wippenden Ranzen lassen Annas Blick einfach abprallen, und das ist sicher gut so, auch wenn in Anna manchmal der Wunsch anspringt, aus großen, staunenden Kinderaugen angeschaut zu werden. Schutzengel, sagt sie sich da, (sie ist nämlich sehr wohl bei Sinnen), haben unbemerkt zu bleiben, sie sind unsichtbar und dabei verlässlich und genau so will sie es mit den Kindern halten, auch wenn die Welt keine Schutzengel mehr mag. Sie murmelt es vor sich hin, die Welt liebt ihre Schutzengel nicht, das klingt beruhigend beim Aufsagen, wie furchtbar der Sinn auch sein mag. Als ihr noch die Erfahrung und das rechte Maß fehlten, hat sich Anna an sonnigen Nachmittagen in den einen oder anderen Hof gesetzt. Es gibt ja zahlreiche Höfe im Glockenbachviertel, wenn auch nicht so viele wie in Berlin, wo Anna den kleinen Willi im Hinterhof eines Hinterhofs eines Hinterhofs (jawohl: drei Hinterhöfe!) geschaukelt und ganz schamlos gestillt hat, unter all den Fenstern. Aber das ist lange her. Vielleicht hat sie darum die Innenhöfe des Glockenbachviertels aufgesucht. Ein Innenhofbesuch in der Nähe des südlichen Friedhofs allerdings hat ihr das Hofsitzen im Glockenbachviertel gründlich verdorben. Süße Kindchen, dachte sie auf ihrer Bank an der zitronengelben Hausmauer, herzzerreißend liebe Kindchen sind das. Die schaukeln so hoch, dass die Röcke fliegen und die Sandalen fast den Himmel berühren. Aber als sie eins der Kindchen belohnen und dieses köstliche himbeerfarbene Bonbon in seine Hand hinein setzen wollte, lugte der Vater aus dem Fenster im Hochparterre und vertrieb sie mit Worten, rüder als alles, was Anna in ihrem ganzen Leben bisher zu hören bekommen hat. So sind sie nun mal, will sie seither sagen, wenn das Gespräch (mit wem bloß?) einmal auf die Glockenbachviertelbewohner kommt, die Rüdesten in dieser Stadt.
Die Wochen nach dieser Innenhofkatastrophe hat Anna mit Grübeln zugebracht, reden konnte sie ja mit keinem, wie auch, die Müllerin von der Klinik würde ihr was husten und Anna unter allen Umständen nahelegen, sich abermals behandeln zu lassen, ich empfehle Ihnen dringend eine Therapie, würde die Müllerin, die mit Therapien ihren Lebensunterhalt verdient, sagen und: lassen Sie es nicht darauf ankommen, dass einer die Polizei ruft, Anna. Anna, die es vor allem auf die Müllerin nicht ankommen lassen will, grübelte also allein und im Stillen vor sich hin. Am Fenster, herausgelehnt auf einem prallen Kissen, wie das zu Unrecht kaum noch Usus ist, leuchtete die Idee der Mittagszeit in ihr auf. Mittags, dachte Anna, kann mich niemand kontrollieren und beschimpfen. Die Versorgung mit Nahrung überlassen diese Rabenmütter und Rabenväter den wild verstreuten sogenannten Initiativen und Horten. Statt die Kinder mit einem warmen Mittagessen zu empfangen, wie Anna das mit Willi Tag für Tag getan hat, auch an dem schlimmen, dem allerschlimmsten Tag tat sie es (Milchreis mit Zimt und Zucker, sie sieht die erst sämigen, ein paar Wochen später verkrusteten Reste auf seinem Teller noch vor sich), machen es sich die Rabenmütter im Büro gemütlich. Die Kinder, beobachtete sie (übrigens zunächst von ihrem Fensterplatz in der Ickstattstraße aus, der, wenn man sich übers Kissen nach vorn beugt, den Blick auf einen kleinen Ausschnitt der Klenzestraße erlaubt), verlassen die Schule nicht etwa, um nach Hause, sondern um in kleinen Grüppchen in ihre Einrichtungen zu traben. So viele arme, fremdversorgte Kindchen, denen jede Behütung fehlt!, dachte Anna. Anfangs folgte sie ihnen allen, wahllos, inzwischen hat sie eine Vorliebe entwickelt und ihr persönliches Lieblingsgrüppchen auserkoren. Man riskiert zwar Enttäuschungen (die Kinder des Lieblingsgrüppchens können krank sein, eine Stundenplanänderung ruiniert alles), aber der Gewinn liegt auf der Hand. Der Verlust ist, die anderen Grüppchen zu hassen, der Gewinn aber, dieses eine Grüppchen liebzugewinnen, denkt Anna, dagegen kann doch keiner etwas haben, schon gar nicht Willi, der heute auf den Tag genau 32 Jahre alt geworden wäre und sicher verstünde, dass sie geradezu vernarrt ist in das Grüppchen vor ihr. Zwei kleine Buben, ein Mädchen. Sie lassen das Hey Luigi links liegen (dort gibt es nichts zu holen) und biegen in die Holzstraße ab. Anna mag den schlenkernden Gang des moppeligen Buben (vermutlich ein Max), der seinen Ranzen hinter sich herschleift und sie mag seinen blassen, aufrechten Kumpan, dem die Lippen immer ein wenig offen stehen, als staune er. Auch der Hüpfgang des Mädchens, das weiße Socken mit rosa Kräuselrand trägt, hat es ihr angetan und der Haarschopf, der dem Kind fast bis zum Po reicht. Wenn sie am gelben Postkasten in der Holzstraße vorbeikommen, spielen sie mit Schlitz und Klappe herum, alle greifen sie mit ihren Händen an die Klappe, erst an die Münchenklappe für die Briefe mit den Achttausenderpostleitzahlen, dann an die Andereorteklappe mit den übrigen Postleitzahlen, sie lupfen die Klappe und lassen sie runterknallen. Als Anna selbst auf Höhe des Postkastens ist, streicht sie mal eben mit der linken Hand die Klappen entlang, erst die Münchenklappe, dann die Andereorteklappe, es fühlt sich an wie eine Berührung. Nach dem Postkasten beginnen die Kinder plötzlich zu rennen, irgendwas fährt in sie hinein, erst stürzt sich einer, dann stürzen sich auch die beiden anderen nach vorn, die Ranzen schlagen auf ihren Rücken hin und her, sie legen sich ins Zeug. Anna kann nicht mithalten. Sie muss auch nicht, denn weiter vorn am Bioladen „Schmatz“ machen die Kinder Halt, um abermals abzuräumen, während die meisten anderen Grüppchen Richtung Spielplatz und KuBu weitergehen, haben sich diese kleinen Schlemmer einen täglichen Schmatzbesuch angewöhnt, Weißbrothappen mit Macadamianusscreme, von der sie später zu ihren Müttern sagen: Da war so was im „Schmatz“, das sollst du mal kaufen, und die Mütter fragen sich, was „was“ im „Schmatz“ sein könnte, denn wenn sie am nächsten Tag versuchen, „was“ zu kaufen, ist längst etwas anderes schön appetitlich zum Probieren arrangiert. Anna späht sonst immer kurz durch die Fensterscheibe des aufgeräumten „Schmatz“ oder geht sogar hinein, um sich, ganz in der Nähe der Kinder, ebenfalls ein Häppchen zu genehmigen. Aber heute ist das „Schmatz“ tabu, heute gilt es, den richtigen Moment zu erwischen, kein anderes Grüppchen darf ihrem Grüppchen zuvor kommen, sonst wäre alles vermasselt. Jetzt ist die Chance! Also überquert Anna die Straße auf dem Zebrastreifen, tut ein paar Schritte zur Parkuhr hin, macht eine gänzlich unauffällige, von ihrem Körper vor Blicken geschützte Bewegung, es dauert nur ein paar Sekunden. Dann richtet sie sich auf und begibt sich zwischen die Glascontainer, sie schlarwenzelt geschäftig von Braunglas und Plastik zu Weiß- und Grünglas. Sie wühlt sogar in den Containern, was sie sonst nur im äußerten Notstand, wenn sie gar nicht mehr flüssig ist, tut, und beim Wühlen beobachtet sie von der Seite her die Kindchen, die gerade aus dem „Schmatz“ heraus kommen und über den Zebrastreifen direkt auf die Verzauberung zugehen. Gleich ist es so weit. Anna hat die drei wunderschönen alten Einmarkstücke (sie stammen noch aus der Berliner Zeit) mit Pril gewaschen und abgetrocknet und eine Weile lang poliert, nie darf die Müllerin erfahren, dass sie sogar ein wenig Parfum (Moschus) darauf hat tropfen lassen, es käme der Müllerin zudringlich vor, (mit solchen Eskapaden isoliert man sich von den anderen Menschen). Still, sagt sich Anna, sie sagt es auch zu ihrem Herz, das schneller schlägt, wie Herzen das in solchen Augenblicken tun. Sie schielt über das Glascontainerdach zu den Parkuhren hinüber, die Kinder (das Mädchen hat so wohlgerundete Wangen!) nähern sich über die Straße hinweg. Anna fürchtet sich ein wenig, vielleicht vergessen sie ausgerechnet heute, hineinzugreifen, aber nein, sie greifen grundsätzlich hinein, alle Kinder auf dem Weg zu ihrer Institution greifen nebenbei in das Klappfach des Parkautomaten hinein, in der Hoffnung auf ein paar vergessene Cent oder Euro, das kecke Mädchen mit den schweren Haaren zuallererst. Sie sieht bereits, wie es den Arm ausstreckt, ein sicher von kurzen, blonden Härchen flaumig bewachsener Unterarm, und die schmale Hand in das Klappfach schiebt, sie sieht den tastenden Blick des Mädchens, als stünde es schon vor der Verzauberung, ein Markstück nach dem anderen greift es heraus, hebt sie in die Luft, Annas Markstücke glänzen und duften, die beiden Buben stehen wie starr vor Glück. All das sieht Anna vor sich, während die Kinder die Straße queren und den Bürgersteig entlang kommen, sie hat es sich in den vergangenen Tagen wieder und wieder ausgemalt, aber ausmalen genügt nicht mehr, sie will sehen, was sie sich ausgemalt hat. Gleich ist es so weit, das Mädchen löst sich aus ihrem Grüppchen, sie dreht den Kopf zur Seite, schaut über die Schulter, sagt etwas zu den beiden Jungs und nähert sich zugleich der Parkuhr, Zeitlupe, denkt Anna, auch später, als alles vorüber ist und sie mit dem Verband am Kopf und den orangenen Jodflecken an den Knien im Bett liegt und die Müllerin ihr über den Handrücken streicht, sieht sie alles in Zeitlupe vor sich. Sie sind mit erhobener Faust einem kleinen Jungen hinterhergerannt und gestürzt, sagt die Müllerin, offenbar haben sie vermutet, der kleine Junge habe Ihnen etwas gestohlen, dabei hat er nur ein paar wertlose Münzen in einer Parkuhr gefunden. Anna schüttelt den Kopf über diesen Vorfall, die Müllerin denkt bestimmt: Sie versteht ihre Reaktion selbst nicht mehr, und wie immer hat die Müllerin auch diesmal recht. Denn Annas Wut ist längst einer Verwunderung gewichen, in die sich eine gewisse Zärtlichkeit mischt für diesen fremden Bub, der so kurz vorm Ziel von der rechten, der Nichtschmatzseite her, an ihren drei Kindchen vorbeischoss, um in die Parkuhr zu fassen und mit gefüllter Faust davon zu galoppieren. Von wo der wohl herkam, fragt sich Anna. Sie denkt: Wenn künftig nur einer gut auf ihn aufpasst!

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