Essay

07.02.2011, Marion Schwehr

Streetview Literatur – mehr als ein „digitales Printbuch“

Wozu brauchen wir E-Books? Diese Frage geistert seit einigen Jahren durch die (Buch-)Welt und viele (in der Leserschaft und selbst in den Verlagen) sind auch heute noch der Meinung, wir brauchen sie nicht. Sie haben Recht, wenn das E-Book lediglich ein Printbuch in neuem, nämlich digitalem Format ist. Sogar wenn das E-Book „angereichert“ ist mit etlichen Features, Bildern, Filmen, Glossaren, mit Email- und Chatfunktionen, usw., kann man die Skepsis verstehen, da sich der Mehrwert noch in überschaubaren Grenzen hält. Spannend werden E-Books erst, wenn sie mehr sein wollen, als nur die digitale und aufgehübschte Version eines (Print-) Buches. Spannend wird es, wenn man anfängt, die Möglichkeiten der Digitalisierung tatsächlich zu nutzen – und zwar dafür, neue Geschichten zu erzählen. Geschichten, die nur digital funktionieren.

Das Literaturprojekt „Streetview Literatur“ unternimmt genau dies.

Streetview Literatur – ein Flechtwerk
Streetview Literatur bringt Kurzgeschichten vieler, verschiedener Autoren zusammen und verknüpft sie zu einem Geflecht. Jede Kurzgeschichte folgt einer einzelnen Person und ihrem Weg durch die Stadt: woher kommt sie, wohin will sie, was passiert auf dem Weg, welches „Geheimnis“ trägt sie mit sich, … Die Verknüpfung der einzelnen Texte untereinander erfolgt über die Straßen- und Ortsangaben. Der Leser kann sich entscheiden, welcher Person und damit welcher Geschichte er folgen möchte. Im Gesamttext kann er Eintauchen in das Gemenge von Menschen im Straßengewirr. Er trifft auf Personen, begleitet ihren Weg, bevor er abbiegt und sie im Gewirr von Menschen und Wegen wieder verliert. Streetview Literatur wird es als kostenlose Internetversion geben.

Digitale Geschichten erleben
In Streetview Literatur werden die einzelnen, linear erzählten Kurzgeschichten zu einem Geflecht zusammengesetzt. Ein Netzwerk, das einer organischen Form gleicht, die sich wuchernd weiterentwickelt und wächst. Im Gesamttext gibt es weder Anfang, noch Ende und auch keinen festgelegten Pfad, der durch das Netz an Geschichten führen würde. Jeder Leser sucht sich seinen Weg alleine und liest in der Anordnung und Reihenfolge, die er wählen möchte. So wird der Leser in den Gesamttext eingebunden. Er wird zum Gestaltungsfaktor innerhalb von Streetview Literatur, da nur durch ihn (und in diesem speziellen Moment) der Text eine Ordnung und Reihenfolge bekommt. Neue und interessante Leseerfahrungen entstehen so. Vor allem auch dann, wenn sich der Leser vor Ort auf Spurensuche macht. Wenn er sich mit den fiktiven Personen unter die realen mischt und in seinem Suchen, Folgen, Nachspüren virtuell-reale Welten entstehen lässt. Ohne Digitalisierung wäre dies nicht möglich. Die Digitalisierung eröffnet vielfältige Möglichkeiten, spannende Ideen umzusetzen und neuartige Geschichten zu erzählen. Deshalb lohnt es sich das E-Book (neu) zu erfinden. Ein E-Book, das mehr ist als nur ein „digitales Printbuch“.

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