Improtext von Katrin Baumer

Dieser Text ist bei der Streetview Literatur Lesung im Art Babel live entstanden. Katrin Baumer hat dazu Input aus dem Publikum verwendet.

Putzi
scheint irgendein Problem mit seinem Darm zu haben, aber das hat vorher keiner gesagt.

Der Hund läuft aus. Oh ja, der Hund läuft aus und mein Teppich ist verdammt fleckig deswegen. Wenn er nur pinkeln würde, wär`s ja in Ordnung, aber es kommt einfach alles raus, immer. Er kündigt das nicht an und legt los, deshalb versuche ich zu erahnen, wann er so weit ist und wir Gassi gehen müssen. Wir gehen jetzt eigentlich immer Gassi, also, mindestens sechs Mal am Tag, Schadensbegrenzung. Von der Kaufingerstraße zum Gärtnerplatz und über den Viktualienmarkt zurück. Manchmal kaufe ich dem Hund dort eine Wurst. Weil er ja auch nichts dafür kann.
Ist schon okay, morgens jogge ich dazu. Mittags hole ich mir was zu essen, nachmittags einen Kaffee, später am Nachmittag noch einen Kaffee, abends wieder etwas zu essen und nachts rauche ich. In meiner Wohnung rauche ich nicht mehr, ist sicher schädlich für den Hund. Der Hund ist ein Dackel und heißt Putzi. Das weiß ich, weil es ihm jemand ins Fell rasiert hatte, als er im Tierheim abgegeben worden war.

Jetzt ist Nachmittag und meine Tasche ist voll mit Plastiktüten. Die brauche ich für Putzi, der gerade wie wild über den Gärtnerplatz hetzt, immer im Kreis, und ein Häufchen nach dem anderen hinterlassend. Wobei – Häufchen kann man nicht wirklich sagen. Es erinnert eher an Schlammpfützen, oder meinen Kaffee, den ich in der linken Hand balanciere, während ich mit rechts in eine der Plastiktüten greife und dann mit der Plastiktütenhand irgendwie versuche, Putzis Hinterlassenschaften zu erwischen. Irgendein Problem hat er mit seinem Darm, soviel weiß ich mittlerweile, aber das hat mir im Tierheim keiner gesagt. Da war er süß und zitternd und schlappohrig dackelig in eine Ecke gekauert dagesessen und ich dachte, er wäre die einzig große wahre Liebe, die ich im Leben haben will.

„Hallo, wer bist denn du?“, höre ich eine weibliche Stimme von weitem, da sitzen zwei Mädchen mit langen blonden Haaren im Gras mit extravaganten Sonnenbrillen auf der Nase, obwohl die Sonne nicht scheint. Putzi ist mitten in ihre Jacken gestolpert, die sie als Sitzunterlage ausgebreitet haben, schaut verwirrt von einer zur anderen und wetzt, als ich bei ihnen angelangt bin, längst weiter seine Kreise. Die Situation ist mir irgendwie peinlich und ich versuche, sie durch einen lässigen Spruch zu entschärfen.
„Wieso … habt … ihr …Sonnenbrillen auf?“, keuche ich außer Atem, ich glaube, die halten mich für pervers mit meinen Häufchentüten im Arm, dabei bin ich nur langsam echt erschöpft von dieser … Scheiße im wahrsten Sinne des Wortes.
Kleine zugebundene Plastiktütenhügel säumen meinen Weg.

Die eine schielt erst irritiert über den Rändern ihrer Sonnebrille hervor und rümpft die Nase – dann aber lächelt sie, sagt „Zauberschöne Sonnenstunden“ und wird von einem lauten Hupen unterbrochen. Autos bremsen und ich schrecke hoch. „Putzi!“, brülle ich und stürze zur Straße. Schimpfende Autofahrer und erschrockene Fußgänger aber zum Glück kein Fellknäul, das zerdrückt und reglos auf der Straße liegt. Von weitem sehe ich ein wedelndes Schwänzchen mit Dackel davor kleiner und kleiner werden. Putzi rennt.

Die Schickeria sitzt draußen vorm Soda an Tischen aufgereiht, alle nippen an ihrem Aperol Spritz und rauchen, strecken die Gesichter dem bewölkten Himmel entgegen und verharren in ästhetischen Posen. Wenn jemand vorbei geht, folgen ihm lediglich ihre Augen. Sie hören nicht das leise atemlose Hecheln zu ihren Füßen, glauben vielleicht hin und wieder warmes Fell zu spüren, das ihre Beine streift, bis schließlich eine merkt, dass es kein Fell ist, was da warm und golden plätschernd ihren Knöchel hinabrinnt und sich in ihrem Stiletto sammelt. Sie schreit spitz auf, eine andere stimmt ein, dann noch eine. Putzi verdreht verzückt und erleichtert die Dackelaugen und lässt die letzten Reste aus seiner Blase tröpfeln.

Copyright: © Katrin Baumer 2011

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Streetview Literatur im Culture Klatsch auf M 94.5

Es ist zwar schon ein paar Tage her, aber für alle die reinhören wollen, eine gute Zusammenfassung davon, was Streetview Literatur ist und sein will.

Streetview Literatur im Culture Klatsch auf M 94.5

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Wahre Geschichten

Nicht alle Textschnipsel konnten bei der Lesung im Art Babel in den Improtexten verarbeitet werden. (Anm.: In den Improtexten verarbeiteten vier Autoren: Katrin Baumer, Tanja Gronde, Christoph Kastenbauer, Nora Scholz) den Input aus dem Publikum. Auf Zetteln hatten die Zuhörer Orte in München notiert und die Erlebnisse, Erinnerungen, Gefühle, die sie mit diesen Orten verbinden. Daraus wählten sich die Autoren ca. 10 Textschnipsel aus.)

Aber auch bei den nicht verwendeten Textschnipseln sind noch tolle “Szenen” dabei. Die möchte ich nicht vorenthalten. Vielleicht als Inspiration für weitere Geschichten. Oder einfach zur Unterhaltung. Und schlicht als Beweis, wieviel Geschichten tatsächlich in unserer Stadt täglich spielen. Ganz real, erlebt, gefühlt.

In beliebiger Reihenfolge:

- Monopteros: Heiratsantrag eines fremden Pärchens gecrashed (Martin)

- Monopteros: Knutschen mit Andi; er hatte eine Eisenplatte im Kopf (Diana)

- Kongresshalle: legendäre Doppelübertragung der Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises in Klagenfurt und des Endspiels der Fußfall-WM 2002 – geschmeidiger Wechsel von FAZ-Feuilleton zu Winkelelementen der Bild (Heike)

- Bavariaring: Tennis spielen nachts um Zwei auf der Straße neben den Glascontainern – Gefühl von Leben und Moment (Philomena)

- Cafe Münchner Freiheit: Eiscreme & Flaneure (Helmut)

- Leopoldstraße: blaues Auge von der Polizei (Matze)

- Schleißheimer Straße: Ruß und Leben (Stefan)

- Arnulfstraße: Dort sah ich die erste Straßenbahn in meinem Leben, 1962 (Johann)

- Isarufer an einem lauen Sommerabend: das Ende einer 3-jährigen Beziehung

- Karolinenplatz: krass verknallt

- Marsstraße: mit Oma über eine besonders schöne Blume reden (Dora)

- Leopoldstraße – Siegestor ( Brandenburger Tor): ich bin in Berlin, ach nein in München! (Dorothea)

- Eisbach: Schwimmen (Jens)

- Fußgängerzone: Musizieren (Cornelia)

- Sendling/Harras: nächtliche geheime Küsse von meiner Muse (Mark)

- Phantasiestraße (Trudering): beflügelt / inspiriert – Ist diese Straße Traum oder Realität? (Thomas)

- Großhesseloher Brücke: Kulisse wie für einen Karl-May-Film (Achim)

- Heideckstraße / Coop-Laderampe: Der Kühlschrankgeruch nach angegammeltem Gemüse erinnert an die wilden Kinderbühnen: Zirkusauftritte! Absolutes Lampenfieber und Kinderaufgeregtheit (Daniela)

Danke für die tollen Einblicke in eure Geschichten, in euer Leben!

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Impressionen einer Lesung

Für alle, die bei der ersten Streetview Literatur Lesung im Art Babel nicht dabei sein konnten. Hier noch ein paar Impression – festgehalten von Marleen Herzog.

Marion Schwehr gibt die "Gebrauchsanweisung zu einer Lesung"

Gelesen haben: Andi Zachariades, Katrin Baumer, Tanja Gronde, Christoph Kastenbauer, Martin Arz, Nora Scholz, Beatrice Dossi.

Katrin Baumer stellt "Marissa und Tobias" vor

 

Christoph Kastenbauer ließ seinen "Jonas" marschieren

 

Beatrice Dossi streifte mit "Clara" durch Nymphenburg

 

Nora Scholz, Christoph Kastenbauer und Katrin Baumer bereiten ihre Improtexte vor

 

Tanja Gronde beim Impro

In den Improtexten verarbeiteten die vier Autoren den Input aus dem Publikum. Auf Zetteln hatten die Zuhörer Orte in München notiert und die Erlebnisse, Erinnerungen, Gefühle, die sie mit diesen Orten verbinden. Da kam eine sehr bunte und interessante Mischung zusammen. Daraus haben sich die Autoren folgende Textschnipsel ausgewählt:

- Garten von Väterchen Timofei im Olympiapark: wie im Traum / zauberhaft (Britta)

- Kaufinger Straße: Aggressionen beim Kauf einer grünen Hose (Lotte)

- Cafe Cord: rausgefolgen und Hausverbot, weil eigenes Bier reingeschmuggelt (Stefan)

- Fünf Höfe: Date / 10 Cocktails / kein Gefühl (Arno)

- Gärtnerplatz: zauberschöne, weinige Sonnenstunden (Annette)

- Schellingstraße – Ecke Türkenstraße: Sehen und gesehen werden – zum Brechen! (Gieseler)

- Untergiesing: Verzweiflung

- Alter Botanischer Garten: laue Sommernacht, schwer verliebt, Abkühlung im Brunnen bei Vollmond (Sabrina)

- Dieses Fleckchen hier (Art Babel): ein schönes Schmuddelfleckchen in der geschleckten Glitzerstadt

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Streetview Literatur live im Art Babel

Es gibt die erste Lesung von Streetview Literatur Texten - am Donnerstag, 11.08.2011 im Art Babel in München. Ich freu mich, wenn Ihr kommt! Und natürlich auch übers Weitersagen.

  

Streetview Literatur streift quer durch München. In Form von Kurzgeschichten, die analog des Straßennetzes miteinander verknüpft sind. Im Art Babel lesen Autoren ausgewählte Streetview-Texte. Ein ungewöhnlicher Leseabend mit Literatur, Musik und Drinks in loungiger Baratmosphäre.

Art Babel (Karlstr. 47a / Ecke Augustenstr.)
Donnerstag, 11.08.2011, Einlass: 19:30 Uhr
Eintritt: 5 €

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Streetview Literatur ist online

Endlich ist es soweit. Die Internetversion von Streetview Literatur ist online.
http://www.streetview-literatur.de
Ich wünsche viel Spaß beim Klicken, Lesen und Stöbern. Aber verlauft euch nicht.

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Verzauberungstag

Wer könnte nicht manchmal einen Schutzengel gebrauchen? Monika Goetsch – die letztes Jahr ihren Debütroman “Wasserblau” bei Dörlemann veröffentlichte – schickt uns einen. Ganz physisch, real und mitten in München.


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Anna
Schutzengel haben unbemerkt zu bleiben und verlässlich, sagt sich Anna. Auch wenn die Welt keine Schutzengel mehr mag.

Früher waren es nicht so viele, sie haben sich vermehrt wie kleine, dicke Käfer, denkt Anna, und das hat seine Richtigkeit, es ist ein Trost. Gegen zwanzig nach zwölf (das weiß nicht nur Anna, die eine gute Beobachterin ist, das pfeifen vielmehr die Spatzen von den Dächern) strömen sie aus der Klenze- in die Westermühlstraße hinein, am Pralinengeschäft vorbei zum französischen Restaurant. Ein kleiner Pulk staut sich dort bereits, sie zwängen sich durch die Tür, rufen „Wie viele?“, grabschen in ein hohes Glas mit Süßigkeiten auf der Fensterbank und quetschen sich, das klebrige Gummizeug in den Fäusten, durch die andrängende Konkurrenz auf die Straße zurück. Gemächlich latschen sie weiter, zum Glück, sonst hätte Anna, die in den vergangenen Jahren an Gewicht zugelegt hat, Schwierigkeiten, ihnen auf Schritt und Tritt zu folgen. Weiterlesen

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Nicht

Normalerweise schreibt Michael Trümper Kinderbücher oder gut recherchierte historische Romane. Heute schickt er uns mit einer Unbekannten durch Nürnberg.

Rita
Oder vielleicht eher Gudrun. Wir werden ihren Namen nie erfahren. 

Sie steigt aus der Straßenbahn Linie 3. Links von ihr liegt der Hauptbahnhof. Seine Dächer sind weiß vom Schnee. Ein kleiner Räumer fährt vorbei, orange, mit einem gelben Blinklicht, ein Mann darin, eine Zigarette im Mund. Ein kratzendes Geräusch, wenn seine Schaufel übers Pflaster fährt, Salz wird hinten ausgeworfen.
Sie geht zur Treppe hinüber, die Treppe hinunter, steigt in die Unterführung hinab, die die große sechsspurige Straßen zwischen der alten Stadt und dem Bahnhof unterquert und immer nach Urin riecht.
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NachtFetzen

Der Texterin, Ghostwriterin und Journalistin Tina Pruschmann haben wir einen wunderbaren Artikel über Streetview Literatur zu verdanken. Jetzt überrascht sie uns mit einer mysteriösen Geschichte in Leipzig. Und mit Fragen, wie sie zurückbleiben nach einer dunklen Nacht.


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Anja
sucht nach den Ereignissen der vergangenen Nacht.

Eine ganze Flasche hätte es wirklich nicht sein müssen. Als Anja auf die Straße trat, brannte sich die Sonne durch die Netzhaut in den Kopf, hinunter zum Magen und weckte die Angst, die dort schon saß und wartete. Anja war soeben neben Jan aufgewacht und konnte sich an vieles nicht erinnern. Dabei kannte sie Jan gar nicht so gut. Er arbeitete seit einem Jahr im Pflegeteam der Inneren, ein recht Attraktiver. Aber das war ja noch kein Grund, sich nach dem ersten Date auf dieselbe Matratze zu legen. Weiterlesen

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Wenn Frau Schneider wartet

Constanze Petery hat sich noch einmal Zeit genommen und für uns eine Geschichte geschrieben und das, obwohl sie momentan wirklich sehr wenig Zeit hat. Mit ihrem Debütroman “Eure Kraft und meine Herrlichkeit“ ist sie sehr erfolgreich und deshalb viel unterwegs. Wer weiß, vielleicht kommt auch bald die englische Übersetzung, dann kann sie auch in New York lesen, wo sie derzeit lebt.


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Tanja
würde viel lieber zu Hause bleiben und dichten oder eine Bucket List schreiben. Aber Frau Schneider wartet.

Haben Sie jemals den Film “Das Beste kommt zum Schluss” gesehen? Der Film, in dem Jack Nicholson und Morgan Freeman eine Bucket List schreiben? Nein? Sie wissen gar nicht, was eine Bucket List ist? Naja, das ist eine Liste der Dinge, die man noch tun möchte, bevor man stirbt. Ist nicht erst seit dem Film ein echter Renner. Besonders bei Jugendlichen. Das können Sie nicht verstehen? Lassen Sie es sich von Tanja erklären. Tanja hat mindestens zehn Bucket Lists geschrieben. Weiterlesen

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