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Diese Geschichte hat einen weiten Weg hinter sich. Sie erreicht uns aus Kolumbien. Geschickt hat sie uns Martín Sarmiento Vega. Der Autor lebte viele Jahre in Berlin und ist heute mit seiner Familie zurück in seiner Geburtsstadt Bogotá.


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Diógenes
mulato, de Santo Domingo a Berlín, nuevo en la gran ciudad, no german. Geht durch Berlin. Geht, hält an, hofft, dass jemand ihn anspricht.

1.
Achtzehn Uhr, Ku’damm. Fotoapparat um den Hals, Blick zur Gedächtniskirche, Zigarette anzünden. Ein Seufzer. Diógenes zieht den Schiebegriff seines kleinen Trolleys heraus und trottet den Ku’damm herunter. Die kleinen Räder knacken und verheddern sich im Streusalz und Straßendreck vom letzten Winter. Anhalten, Leute beobachten. Diógenes und sein Koffer schleichen weiter. Kurz stehen bleiben, ein Foto schießen und weiter die Menschen mit den Augen verfolgen. Nächste Ecke, aufpassen. Beinahe werden Diógenes, die Kamera und sein Koffer von einem BMW platt gefahren. Straße um Straße immer das gleiche. Gehen, anhalten, hoffen. Anhalten und hoffen, dass jemand ihn anspricht. Same procedure as every day.
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Glückwunsch an Keto von Waberer

Keto von Waberer wird mit dem Münchner Literaturpreis 2011 ausgezeichnet. Der mit 10.000 Euro dotierte Literaturpreis wird alle drei Jahre – alternierend mit dem Publizistik- und dem Übersetzerpreis – verliehen; er zeichnet Münchner Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus, „deren Werke in Stil und Gehalt hohe Qualität aufweisen und die München als Literaturstadt Geltung und Ansehen verschaffen“. Die Preisverleihung findet am 07. Juni 2011 im Literaturhaus statt. Wir gratulieren schon heute! Und nützen die Gelegenheit, ihren Text für Streetview Literatur noch einmal zu genießen.

In Ausschnitten als Audio (Lilly) oder komplett hier zu lesen:

Lilly
findet, dass Menschen aussehen wie Tiere, und fremde Männer, wie alte Liebhaber.

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Klassischer Konzertbesuch

Sie gehen gerne in klassische Konzerte, vielleicht sogar in den Gasteig? Nicht, dass ich Ihnen davon abraten möchte. Ganz im Gegenteil. Aber einen hartnäckigen Reizhusten sollten Sie vielleicht nicht gerade haben. Warum erzählt Ihnen Matthias Kübler.


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Joe Hurts
eigentlich Hans Hurtzmayer, Mitte vierzig, alleinstehend, Musikliebhaber.

Der alte Mann sank mit einem Nicken in sich zusammen. Joe atmete aus. Er entspannte sich und genoss die Musik.

* * *

Joe war früh losgegangen. Es war nicht weit zur Philharmonie, aber er hatte gern Reserve, Freiraum für Unerwartetes.

Bevor er die Wohnungstür schloss, ging er in Gedanken den Abend durch. Geld, Schlüssel, Instrumentenkoffer. Er hatte alles dabei. Es würde ein schöner Abend werden, niemand würde ihm diesen Genuss nehmen.
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Das verdammte Glück

Ich kenne keinen, wirklich keinen, der dem Glück schon mal so nahe gekommen ist! Gut, dass Andreas Kurz uns an Gustls Erfahrungen teilhaben lässt. „Das verdammte Glück” gibt´s übrigens auch als Buch, erschienen im Ubooks-Verlag. Mal reinblättern, denn näher kommt man ans Glück so leicht nicht ran!


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Gustl
hatte es zu fassen bekommen – das verdammte Glück. Nur kurz, aber immerhin!

Auf der Pappenheimstraße war plötzlich ein Auflauf. Sein Fenster zitterte, als würden wieder die Kieslaster vorbeidonnern, doch es waren nicht die Kieslaster, es war etwas anderes. Er hatte keine Ahnung, und das machte ihn unruhig. Also Jacke an, Radio aus, Treppe runter und hinaus zu den anderen. Die ganze Straße war voller Menschen, selbst Oma Meier schob ihren Gehwagen den anderen über die Zehen und krähte, sie sollen sich verpissen, denn sonst sehe sie ja nichts. Er fragte Schorsch, was los sei; der hatte einen Campingstuhl aufgeklappt und sich an die Bordsteinkante gesetzt.
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Nachts durch Nürnberg

Danke an Andreas Neuner für den nächtlichen Streifzug durch Nürnberg.


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Till
findet, regennasse Straßen nur im Kino romantisch, im Plüschsessel mit Lena.

Tills Fehler war, dass er einen Obstler nach dem anderen trank. Selbstgebrannten aus Rumänien, den ihm ein Freund mitgebracht hatte. Zum Aufwärmen sozusagen, oder zum Erblinden. Tills Problem aber war, dass Lena nicht da war. Also musste er Lena suchen. /

Eine halbe Flasche später schüttelt er sich. Er hat zwar die ganze Zeit nur an Lena gedacht, doch dass er sie suchen will, hat er irgendwie vergessen. Noch ein letzter Schluck. /
Es regnet. Wie auch nicht in Nürnberg. Er kam ja vom Land. Da regnet es auch. Aber trotzdem scheint dort öfters die Sonne. /
Wo soll er Lena suchen? U-Bahn! Nimm die U-Bahn rät ihm eine innere Stimme weise. Ja, die U-Bahn vom Aufseßplatz bringt dich zu Lena. /
Till ist also in der U-Bahn. Scheiße! Richtige Menschen fahren Auto. Besonders um diese Zeit. Die drei Skins weiter vorne knacken mit ihren Fingern. Schauen die etwa her? Nein, da sind ja noch zwei Türken in umgepolten Schlabberjeans, – die Hosentaschen vor den Eiern. Ja, nehmt doch die. Oder noch besser, steigt am Hauptbahnhof aus. Er hat keine Zeit, muss Lena suchen./
Kubus, Kubus, Kubus. Er brabbelt das Wort vor sich hin. An der Lorenzkirche kommt er aus dem Untergrund wieder in den Regen. Jeder Schritt und er sagt Kubus. Es ist nicht weit bis zur Kaiserstraße aber nass. Im Kubus muss Lena sein. Frauen stehen auf In-Läden. /
Dass der Kubus in ist, kann er verstehen. Ist zwar alles bei Picasso und Braque geklaut, aber doch genial die Idee. Schräge Flächen, in sich gebrochen das ganze Inventar, Möbel wie Menschen, bestrahlt von Scheinwerfer-Diagonalen. Man muss sich nur die krumme Fresse des Türstehers ansehen. Aber er ist Stammgast. Er kommt hier immer rein. /
Nick Cave samt seinen schlechten Samen bedröhnt seine Ohren mit der roten rechten Hand. Körper zucken dazu. Die meisten schwarz angezogen. Wo ist Lena? /
Er bricht eine Schneise durch die Leiber. – Hey, pass doch auf! – Hi, wie geht´s? – Arsch! – Mann, du hier, hast du was dabei? – Scheiß Schnorrer. Wo ist sie? Nicht hier. Er trifft nur Caro. /
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Clubbing mit Frühling Flavor

Deef Pirmasens schickt uns mit Adam in einen der Clubs von München.


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Adam
Frühling Flavor. Und keine Lust irgendwas zu verkomplizieren.

In ihren Kellerwohnungen haben sich die Schneeglöckchen herausgeputzt. Langsam wagen sie sich in kleinen Gruppen an die Oberfläche und zeigen ihre makellos weißen Blüten. Sie sind der erste Glanz auf dem vom Winter geschundenen Rasen am Maximiliansplatz. Auch die Feierleute, die in kleinen Gruppen zu den Clubs dort laufen, haben sich zurecht gemacht. Es ist wieder mild genug, um die dicken Daunenjacken, die North Face-Parkas und die Wollmützen im Schrank zu lassen. Ungefütterte Lederjacken, Pullis mit ärmellosen Westen drüber und leichte Stoffmäntel künden ebenso den Frühling an, wie der Blütenzauber im Gras. Die Feierleute wollen wie jedes Wochenende ihr Blut in Wallung bringen mit Beats, mit der tanzenden Menge, deren Teil sie werden und vielleicht auch mit noch mehr. Aber auch ohne die Reize der Clubs melden ihre Serotoninspiegel bereits steigende Pegel, wie die Isar während der Frühjahrsschmelze. Denn die Tage sind schon wieder fast so lang wie die Nächte und die Hormondrüsen erwachen aus dem Winterschlaf.

Große Jungs mit Hornbrillen, kleine Mädchen mit Ponyfrisuren, Pete Dohertys mit Hemd und Hut und jüngere Schwestern von Kate Moss mit roten Plastiksonnenbrillen – sie und ähnliche Gestalten sind versammelt in dieser Nacht, in diesem Club, um das Spiel zu zelebrieren. Die Lichter zucken, die Münder lächeln, die Mädchen schauen sich tief in die Augen und die Jungs auch. Am Rand der Tanzfläche stehe ich und lasse meinen Rücken von einer Batterie Subwoofer massieren. Der Duft von gemischten Parfümaromen und Diskorauch kitzelt meine Nase.

Eine Stunde und ein paar Becks später geh ich aufs Klo. Neben der Tür, warnt mich ein Schild: “Eine Toilettenkabine darf nur von je einer Person betreten werden, da angenommen werden kann, dass gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen wird. Die Missachtung kann zum Rausschmiss führen. Ein Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz hat ein sofortiges Hausverbot und eine Anzeige bei der Polizei zur Folge.”
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Durch die Nacht

Frank
mit der Null-Bock-Ausstrahlung, der postpubertären Hände-in-den-Taschen Nummer, schlecht rasiert, Alkohol-Atem, Kippe im Mundwinkel. Das ganze scheiß Klischee. Die Klischees bekommen am Ende die Mädchen. Oder?

Es ist Nacht und das bedeutet Feuerpause, Freibrief für den Kopf, Henkersmahlzeit bis zum Morgengrauen. Der Tag ist weg und mit ihm alle Schmerzen. Maria hatte nur „tut mir leid“ gesagt, als wäre das eine Antwort auf meine Frage. „Wieso?“ Sie hatte nicht geantwortet, sie hatte nur gelächelt, so schön wie die Hölle und genauso schmerzhaft. Ein Lächeln hinter verheulten Augen, deren Tränen nur noch ihr galten, als spielte sie genau die Rolle, die am besten zu dieser Szene passte. Die Wotanstraße schmiegt sich gelb und kühl meine klebrig quietschenden Schuhsohlen entlang, während ich laufe, dorthin, wo der Lärm herkommt und das ewige Vergessen. Der Straßenbahnfahrer am Romanplatz wartet. Ich laufe. Die Tür schließt sich zischend hinter mir. Heute Nacht warten sie, heute Nacht warten sie alle.
Das Mädchen hinter der Tür hat gelbe Haare, und zupft daran herum, als wollte sie die Standhaftigkeit jeder einzelnen Haarwurzel prüfen. Mit ihren schwarz lackierten, abgekauten Fingernägeln rührt sie einen Kaugummi in ihrem Mund herum, während sie an mir hoch schaut, als wäre ich eine Wand, an der Plakate kleben, die wirklich niemanden mehr interessieren. Die Straßenbahn bremst scharf. Das Mädchen steigt aus, sich an mir vorbei drängelnd mit hängenden, unbeteiligten Schultern.
Ich gehe dem Mädchen hinterher. Ich habe kein Ziel, die Stadt führt mich, das ist heute ihre Aufgabe. Die Gelbhaarige dreht sich nach mir um, beschleunigt ihren Schritt, trippelnde Stöckelschuhpanik auf dem Asphalt. Ich muss lächeln. Sie denkt, ich falle über sie her, alle Menschen denken das in der Nacht, dass alle anderen nur dazu da sind, um genau über sie herzufallen. Ich laufe. Die Stadt hüllt mich ein mit ihrer gelben, fahlen Helligkeit, die alles verspricht und gar nichts zur selben Zeit, den Tag, das Leben, das „Immer weiter“ hinter dem Sonnenuntergang oder eben den letzten Vorhang, hinter dem dich kein Applaus dieser Welt wieder hervorholen kann.
Schauspieler zu sein, das wäre es, hatte Maria gesagt und ein Lächeln angeknipst, dem man selbst im Dunkeln nicht widerstehen konnte. Als auf der Bühne die Lichter ausgingen, hatten wir uns geküsst. Es war eine Aufführung unseres Studiengangs gewesen, ein Projekt, um mal auf die andere Seite zu schauen, wie es unser Professor ausdrückte. Maria und ich studierten Theaterwissenschaften an der LMU, wobei Maria ihr Fach leidenschaftlich liebte, als zweite Chance, wie sie es ausdrückte, und ich nur einer von denen war, der studierte, um überhaupt etwas zu machen, den Tag rumzukriegen, während Daddy das restliche Geld der Wirtschaftswunderjahre auf mein Konto schaufelte. Wir spielten Schillers „Die Räuber“ und ich die Rolle des faulen, verdorbenen Bruders. Ich bekam am Ende das Mädchen. Das war der entscheidende Unterschied zum Stück. Franz bekam seine heiß begehrte Amalia und der ehrenvolle Bruder Karl ging leer aus. Maria stand auf meine Null-Bock-Ausstrahlung, die postpubertäre Hände-in-den-Taschen Nummer, das Schlechtrasierte, Alkohol-Atem, Kippe im Mundwinkel. Das ganze scheiß Klischee. Die Klischees bekommen am Ende die Mädchen. Das ist heutzutage so, die Glotze in unseren Köpfen, die wir da nicht mehr rausbekommen. Selbst wenn der Vorhang längst gefallen ist.
Wir gehen am riesigen Betonwürfel des Briefzentrums vorbei, Arnulfstraße, Steubenplatz, dort wo Neuhausen noch nicht seine schönen, kultigen Liebhaber-Touristen-Fast-Innenstadt-und-doch-ach-so-ruhigen Ecken präsentiert, und die Schulen noch mehr Gefängnissen als Erziehungsanstalten gleichen. Der Typ, der uns jetzt entgegen kommt, passt hier genau hin, bescheuerte Riesenschirmmütze, gepolsterte Boxerjacke und die obligatorische Schnellfickerhose. Die Gelbhaartante steuert jetzt fast erleichtert auf ihn zu, als wäre das hier wirklich die bessere Alternative. Stehen bleiben, Tuscheln, Blick nach hinten. Anscheinend kennt der Typ sie – cool wippen nach links, cool wippen nach rechts, Küsschen, Küsschen.
Die Boxerjacke bläst sich noch ein Stück mehr mit heißer Luft auf. Ich bleibe stehen, aussagekräftiger Blickkontakt, er so viel wie: Ich bin scheiß böse und das ist meine Tussi, verzieh dich, Alter, ich: Langweilig, langweilig, langweilig, immer dieselben Arschlöcher, die sich hier in der Nacht verirrt haben, und dabei auch noch denken, sie wären von all dem der scheiß Mittelpunkt, jeder wollte ihre billigen Schlampen vergewaltigen, ihnen selber noch den MP3-Player aus dem Ohr ziehen, und zum Schluss noch ihre Babyschnuller-Mütze vom ungestylten Kopf wegklauen.
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Münchner Frühlingsspaziergänge

“Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte” (Eduard Mörike)
Wer geht im Frühling nicht gerne mal spazieren? Vielleicht in den Nymphenburger Park? Marie Bastide nimmt uns mit auf einen Spaziergang durch den Park – mit einem etwas anderen Text, samt Gedicht. Danke an Marie Bastide und viel Spaß mit Marie (© Marie Bastide)

Und doch meldet sich der Winter noch einmal zurück: mit Clara im schönen Nymphenburg, wo Straßen klingende Namen tragen. Herzlichen Dank an Beatrice Dossi für Claras Reise an den Ort ihrer ersten Erinnerungen: Clara (© Beatrice Dossi)


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Der Anfang in Nymphenburg ist gemacht. Ich freu mich auf viele Texte aus Nymphenburg, Neuhausen, Gern!

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Aus Leipzig mitgebracht

Mit vielen Eindrücken und einer wunderbaren Geschichte ist Streetview Literatur zurück aus Leipzig. Christopher Kloeble erzählt uns von Carolina und den beängstigenden Tiefen einer Pfütze. Und zeigt uns, dass Leipzig nicht nur zur Zeiten der Buchmesse mit ungewöhnlichen Eindrücken aufzuwarten hat.

Er muss es schließlich wissen, hat er doch dort gelebt und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert. Sein Romandebüt Unter Einzelgängern erschien 2008 bei dtv premium. 2009 folgte der Erzählband Wenn es klopft (dtv premium). Derzeit arbeitet er an seinem zweiten Roman, der im Frühjahr 2012 erscheinen wird.

Ich sage Danke an Christopher Kloeble für den Abstecher nach Leipzig.
Viel Spaß mit: Carolina (© Christopher Kloeble)


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Carolina
weiß wie unergründlich tief Pfützen sein können. Nicht nur in Leipzig.

Auf ihrem Weg mit dem Fahrrad wechselte Carolina, wie auch die anderen Fahrradfahrer auf dem Peterssteinweg zwischen Straße und Bürgersteig, fuhr auf linker wie auf rechter Seite und achtete darauf, nicht mit den Reifen in die Gleise zu geraten, was bereits einmal zu einem schweren Sturz geführt hatte, nach welchem sie einige Zeit lang nur mehr auf dem Bürgersteig gefahren war. Sie folgte der Straße Richtung Südvorstadt, ihr Ziel war eine Reinigung, der rote, auf die Fahrradablage geklemmte Mantel mit den Fettflecken flatterte im Fahrtwind. Bald erreichte sie die Karl-Liebknecht-Straße, die von den meisten Leipzigern nur als Karli bezeichnet wurde, wechselte auf den Bürgersteig und verlangsamte ihr Tempo, da die Abstände zwischen und Risse in den einzelnen Steinplatten beträchtlich waren, wich den ausgedehnten Pfützen aus, die zwar seit dem Morgen in der Sommersonne schrumpften, den Fußgängern und Fahrradfahrern jedoch, ganz besonders den Müttern mit Kinderwagen, einige Ausweichmanöver abverlangten. Carolina dachte dabei nicht ans Fahren, so wie kaum jemand über das Fahren nachdenkt, ob nun Fahrradfahrer oder Autofahrer, Carolina dachte, dass ihr die Risse und Fugen der Steinplatten Furcht einflößten, und sie konnte sich nicht erklären, welcher Umstand die plötzliche Angst hervorrief, sie wusste nur, dass es sie mit tiefem Unbehagen erfüllte, über die Steinplatten zu rollen und Pfützen zu umkurven, und sie dachte, um sich abzulenken, an ihren Ausflug mit mir zum Völkerschlachtdenkmal und das Gespräch zweier Touristen, einem Ehepaar, das, am Sockel des Denkmals, im Schatten des monströsen Baus den Blick zu Boden gerichtet, darüber gestritten hatte, ob es nun Dehnungsfugen, ganz gewöhnliche Dehnungsfugen im Stein unter ihren Füßen seien, oder doch Risse. Weiterlesen

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Literatur 2.0

The European Circle berichtete von der Leipziger Buchmesse und dabei auch über Streetview Literatur:

“Aus Text wird Content. Da sind sich die Vertreter des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels im Podium der Pressekonferenz “Digitale Dimension und mehr” einig. Schwieriger sind Fragen wie: Was genau unterscheidet den Text vom Content, welchen Mehrwert bietet Content dem Leser und verändert Content auch die Autorenschaft? Zu diesen Themen bleiben die Vertreter des Börsenvereins, die aus Verlagen und aus dem Handel kommen, erstaunlich konzeptionslos.
Nicht jedoch Marion Schwehr. Die Literaturwissenschaftlerin stellt bei der Leipziger Buchmesse ein Literaturportal der besonderen Art vor. [...]”

Den ganzen Artikel gibt es hier: Das Prinzip Buch

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